In diesem Essay erläutert der Performancekünstler Benjamin Burger einige Grundgedanken, die ihm als Ausgangspunkt zur Stückentwicklung seiner Soloperformance «Das Maddock Mani-fest» dienten. In der Performance selbst zeigt er seinen enigmatischen Rechercheprozess rund um den Künstler Maddock und sein Manifest.

Vor zwei Jahren habe ich mich während einer Residenz mit Kurt Cobain beschäftigt. Ich überlegte damals, ein Stück über ihn zu machen. Lange schon war mir sein Dilemma im Kopf herumgespukt. Für mich war sein Selbstmord kein persönliches Scheitern, sondern ein kollektives. Es markierte die Kommerzialisierung der Gegenkultur. Cobain wollte aber nie massenkompatibel sein. Und damit wurden seine Selbstzweifel immer grösser. «Warum geniesst du es nicht einfach?», fragt er sich selbst gegen Ende seines Abschiedsbriefes. Ja, warum eigentlich nicht. Das frage ich mich auch oft. Warum sich immer so mühsame Gedanken machen? Und dann auch noch solche, die die eigene Integrität als Mensch oder eben als Künstler*in am meisten unterminieren.

Natürlich spreche ich von einem ganz anderen Standpunkt aus als Cobain. Sein Weltempfinden entsprach nicht meinem. Ich wohne in der Schweiz, ich mache keine Musik und fülle keine Stadien und lebe auch nicht mehr in den 90ern. Ich war nie Teil einer relevanten Gegenkultur, habe aber auch nie eine Gegenkultur überzeugend gefunden. Ich würde gerne eine Gitarre auf der Bühne zerstören, aber nicht als Manifestation eines Wutausbruchs, sondern als Untersuchung eines ästhetischen Vorgangs. Ich höre erst einmal auf Autoritäten, lasse sie aussprechen und erst im zweiten Atemzug widerspreche ich ihnen, vielleicht. Ich bestelle lieber viele kleine Bier, damit ich die Dosierung besser im Überblick habe. Mit jedem Kater, den ich trotzdem kriege (eine gute Möglichkeit sich als freischaffender Künstler mal selbst einen Tag ins Bett und zur Ruhe zu zwingen) habe ich auch ein schlechtes Gewissen. Ich bin einfach sehr kompatibel. Trotz allem meide ich Harmonie. Damit komme ich nicht klar. Harmonie ist mir immer etwas Verdächtiges, genauso wie Dinge, über die behauptet wird, das sei jetzt aber radikal. Radikal ist für mich eine Vokabel, die für Toilettensprüche reserviert ist. Nein, Cobain und ich sind uns nicht ähnlich. Trotzdem klingt da etwas an. Weil ich eben Cobain für mich irgendwann in diese Bedeutung gezwungen habe und sie als Botschaft an mich selbst in den Nirvanasongs konserviere: Bewahre dir einen gewissen Restwiderstand.

Und so komme ich zu Hermann Maddock, der weniger bekannt ist als Cobain, der aber mindestens genauso drastisch war. Er trieb seinen Widerstandsakt auf zynische Art und Weise auf die Spitze. Er nutzte seinen Tod, um das System zu pervertieren. Eine kurze Zusammenfassung: Hermann Maddock war ein US amerikanischer bildender Künstler. Er lebte und arbeitete in Detroit. 1998 nahm er sich das Leben in einer Galerie – als performativen Akt. Sein Selbstmord war sein letztes Kunstwerk. Er hinterliess ausserdem ein Manifest, das eine Art Anleitung zum Reenactment ist. Mehrere weitere Selbstmordakte von Künstlerinnen oder Aktivistinnen sind seitdem bekannt, die seinen Tod zitieren. Während Kurt Cobain sich das Leben nahm, weil er seine «Unbequemlichkeit» nicht weiter als Vorbild kultivieren wollte, kommt Hermann Maddock und macht diese Unbequemlichkeit und die damit einhergehende Selbstaufgabe zum Vorbild. Er schrieb einmal:

«In our system every artistic protest is affirmative. Art confirms the system in which it is produced. There is no possibility of absolute negation and every artwork, which seeks the radical, will inherently fail. Art is always compromised and every artist is always compromised. Therefore, I am compromised.»

Maddock stammt aus Detroit. Einst Vorzeigestadt und Wiege der Moderne, ist sie heute Mahnmal und Symbol für die «false promises» des Kapitalismus geworden. Maddock brachte das Wechselspiel von Versprechen und Wirklichkeit in seiner Kunst zum Ausdruck, zum Beispiel mit dem vergoldeten Motorblock eines Ford Escort. Er versuchte, den Kapitalismus über seine Sehnsüchte und Missstände als blosse Ideologie zu enttarnen. Um so niederschmetternder muss es für ihn gewesen sein, dass, trotz aller prophetischen Vorzeichen, die Verbreitung des Kapitalismus bis aufs äusserste vorangetrieben wurde. Heute spricht man vom Hyperkapitalismus. Nichts ist nicht kommerzialisierbar. Und hier fängt der eigentliche Mythos an, dem Maddock gegenübersteht: Der Mythos des autonomen Künstlers. Maddock hat irgendwann (spätestens seit Cobain) begriffen, dass er unwiderruflich Komplize des Systems ist, das er eigentlich ablehnt. Im Hyperkapitalismus, in dem alles auf seine Verwertbarkeit zurückgeführt wird, kommt es deshalb zu solchen Paradoxien, in denen zum Beispiel die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein zur weltweiten Bestseller-Autorin wird – oder eben Nirvana die diamantene Schallplatte in den USA bekommt. Das «Dagegen» ist eine Produktkategorie. Kurt Cobains Antwort darauf war die Schrotflinte. Und wenn man kein Schrot durch sein Hirn jagen möchte, dann muss man eben einen Umgang mit diesen Widersprüchlichkeiten finden. Und das geht nur, wenn man sich nach allen Regeln des Taschenspiels selbst bescheisst. Für mich zeigt Maddocks Performance das auf perfide Weise auf.

Nach seiner Logik machen wir uns alle etwas vor, sowohl als Akteure als auch als Zuschauerinnen. Zum Beispiel, indem wir behaupten, dass in Kunstinstitutionen die Gesellschaftskritik, die betrieben wird, noch unabhängig und nicht selektiert wäre. Dass damit keine Quote erfüllt werden müsste. Dass hinter den Kulissen kein Wettbewerb um die diskursivsten Behauptungen herrschte. Und dass der oder die Künstlerin eine durch und durch unabhängige Entität sei. Und natürlich brauchen wir diese Behauptung. Es ist unsere letzte Bastion, weil ansonsten der Vorhang fallen würde und wir vollends als Befürworter*innen des Systems dastünden. Das würde unserem Freiheitsempfinden radikal widersprechen. Maddock sagte: «As long as we consider art to be independent we cannot consider ourselves to be slaves.»

Ich frage mich manchmal, geht es in der (politischen) Kunst wirklich um Unruhe oder vielmehr um unsere Selbstberuhigung? So oder so bedienen wir damit unser Bedürfnis, behaupten zu können, dass wir widerständig wären und vor allem, dass wir dazugehörig sind. Und wenn man denn möchte, kann man das alles als eine grosse Show entlarven, die dazu dient, dass alle Teilnehmer*innen ihren Platz im System finden können.

Ich habe ursprünglich Visuelle Kommunikation studiert. Anstatt aber bei einer Werbeagentur anzuheuern, trieb es mich auf die Bühne. Ich dachte, hier könnte man dem Neoliberalismus noch eine Kampfansage machen und eigene dissidente Strukturen entwickeln. Wenn mich jetzt jemand fragt, dann beschreibe ich den Markt der freien Künste jedoch als den neoliberalsten Markt, den ich bislang kennengelernt habe. Die prekären Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse werden immer noch romantisiert. Dabei verläuft die Trennlinie zwischen Erfolg und Scheitern, zwischen Gewinner und Verlierer hier Hatori-Hansunscharf. Kurz: Wir, die Künstler*innen und Kreativen, sind die Posterboys & girls des Neoliberalismus. Ein System, das ich aus vielen Gründen ablehne, aber dessen Werte wir durch und durch verkörpern und auf die Spitze treiben. Und das auf perfide Art und Weise: Denn ich tue das, während ich die Ablehnung des Systems selbst zum Element des Systems mache. Dissens wird zu einer Ästhetik.

Auf diesen Widerspruch zwischen Autonomiebehauptung und Aufmerksamkeitszwang habe ich kürzlich eine befreundete Künstlerin angesprochen. Sie erwiderte (mich aber 100% nachvollziehend): «Either you play the game or you don’t.» Es sei eine Entscheidung, die müsse man treffen. Sie hat sich irgendwann für das Game entschieden, dafür musste sie auch einiges über Bord werfen. Ideale zum Beispiel. Aber Ideale sind ja eh 90er. Erinnerst du dich an Hermann Maddock?
Aber diese Kritik greift mir zu kurz. Weil es ja realistisch nicht um so etwas wie Ideale geht, sondern um eine Sollbruchstelle. Und die verläuft dort, wo Maddocks vermeintliche Naivität unserem eigenem Wunschdenken – dass es doch noch uneingenommenes Gebiet gäbe – gegenübersteht. Für Maddock waren wir deshalb alle schon scheintot. Mit seinem Suizid hat er nur für sich nachjustiert.
Prangerte er anfangs mit seiner Kunst noch die Fortschrittsmaschinerie des Kapitalismus an, die sich angeblich das Subjekt zum Untertan machte, stellte er gegen Ende seiner Karriere die Vereinnahmung des Subjekt selbst ins Zentrum seiner Kritik. Er hob hervor, dass Kommerzialisierung, auch die seiner eigenen Arbeit und Motive, einer dieser Mechanismen ist. Während Cobain sich ins Private zurückzog, machte Maddock sein Statement zur Kunst. Mit seinem Suizid statuierte er ein widersprüchliches Exempel.Er illustrierte, dass der Mensch sich selbst kapitalisieren muss. Das ist die einfache Lehre Maddocks: Er setzte seiner Vereinnahmung durch den Kapitalismus die komplette Selbstverwertung entgegen. Sein Manifest wiederum gewährleistet zynisch die Reproduzierbarkeit seines finalen Werks. Würden alle Menschen seinem Manifest folgen, dann gäbe es zwar keine Menschen mehr, aber auch keinen Kapitalismus.

Ich habe schon gelesen, dass manche das Maddock Manifest für einen Fluch halten. Wenn Maddock uns verflucht hat, dann aber nur, weil wir schon verflucht sind: Es gibt den verfluchten Kapitalismus und es gibt Maddocks Fluch im Form des Manifests. Und beide wetteifern gerade darum, wer als erstes die Menschheit auslöscht.

Das Maddock Manifest von Benjamin Burger wird am 3. Mai um 20 Uhr im Fabriktheater uraufgeführt. Weitere Vorstellungen: 4., 9., 10. und 11. Mai, jeweils um 20 Uhr.

Comment is free

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert