Die Dinosaurier sind zurück! Nicht nur im Kino mit ‹Jurassic World›; auch auf den Konzertbühnen gab es diesen Sommer ein paar Urgesteine zu bewundern. Ein Freund von mir musste beispielsweise seinem Vater zuliebe mit zu AC/DC, ich war freiwillig bei Roxette und, krasses Gegenprogramm: beim Wu-Tang Clan.

Letzteres war leider eine Pleite. Man stelle sich vor: Der Clan lässt auf sich warten und auf die Bühne kommen stattdessen ein paar behandtuchte Prolls, die sich aufführen wie Halbwüchsige, die auf dem Pausenhof Gangster spielen. Das Publikum, mehrheitlich Ü30, weiß nicht, wie reagieren. Muttergefühle? Mitleid? Fremdscham? Wer ist das?, raunt es ungläubig bis empört durch die Reihen. Irgendwann geht herum, der unselig posende Haufen da oben heisse «187 Strassenbande», oder so. Nie gehört. Kein Wunder! Die Beats waren abgedroschen und von den Texten verstand man kein Wort, was wahrscheinlich besser so war. Als dann endlich der Wu-Tang Clan die Bühne betrat, konnte es nur besser werden. Dachte ich. Doch irgendwie war alles mittelmäßig. Die Songs wurden runtergenudelt, die Mikros fiepten – was auch nicht besser wurde, als ein Clan-Mitglied den Tonmenschen anherrschte, die Mikes hochzudrehen. Auch die leicht aggressiv wiederholte Aufforderung an den Lichtmenschen, die «fucking» blauen Lichter aufzuziehen, blieb ohne sichtbaren Effekt. Generell wurde für meinen Geschmack zu viel im Imperativ kommuniziert. Es wurde einem ständig nahegelegt «Hip» zu sagen und «Hop» und «Hell yeah!», «Fuck yeah!» sowie «Make money money make money money». Und auch wenn es kurzzeitig Spaß machte, «Wu!» «Tang!» zu grölen, wie vor zwanzig Jahren, so war man damals natürlich ein leicht zu beeindruckender Teenie. Als ich nun «Cash Rules Everything Around Me» wiederholte, konnte ich nicht umhin, zu denken: Die Wus machen einfach noch mal Geld mit dieser Tour. Mehr wollen die nicht. Egal, wie viel sie von «Real Hip Hop» und der Energie zwischen Publikum und Bühne quatschen. Ich konnte mich dem Eindruck nicht erwehren, in den Augen der Jungs statt dem alten Feuer nur noch «Dolla dolla bill y’all»-Zeichen blitzen zu sehen.

Roxette haben sicherlich auch eine Menge Dolla bills gemacht mit ihrer Jubiläumstour, doch ihre Show war genauso gewissenhaft gut, wie ich sie von meinem ersten Konzertbesuch mit dreizehn (!) Jahren in Erinnerung hatte. Zwar waren auch Per und Marie alt geworden; Marie musste sogar gestützt werden, als sie die Bühne betrat und thronte die ganze Zeit würdevoll wie eine Königin auf einem Barhocker. Sie überliess Per das Moderieren und die Rock-Moves. Auch die Band legte sich ins Zeug, um Maries statischer Performance entgegenzuwirken, was funktionierte: Entweder es hatten wirklich alle Spass, oder sie taten zumindest sehr überzeugend so. Das Publikum (auch Ü30) sang textsicher die Refrains diverser Hits von ‹Joyride› bis ‹It must have been Love› mit, wenn Per charmant wie eh und je dazu aufforderte. Als gen Ende dann bunte Luftballons auf das Publikum herabregneten, war die Kindergeburtstagstimmung perfekt…

Vielleicht ein bisschen wie im Jurassic World Vergnügungspark, bevor der T-Rex Mutant ausbricht? In diesem Sinne: Roxette forever!

Die Dramatikerin Esther Becker schreibt Prosa, Essays und journalistische Texte zu kulturellen Themen. Für die Fabrikzeitung untersucht sie regelmässig den Zustand des kulturellen Nährbodens.

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