Bernadette Kolonko ist Filmemacherin und arbeitet an der ZHDK an ihrem künstlerischen Forschungsprojekt «Unsichtbares und Ungesagtes – Zur Frage eines female gaze im aktuellen Spiefilmschaffen». Im Gespräch erzählt sie, weshalb es nicht reicht, einfach den Helden mit einer Heldin auszuwechseln.

Franca Schaad: Liebe Bernadette, du machst Filme, forschst aber auch zu Frauen*bildern im Kino. Wie und wann hast du feministischen Film für dich entdeckt?

Bernadette Kolonko: Das war ein wichtiger Prozess für mich an der Filmhochschule, der vor vielen Jahren durch eine sehr engagierte Dozentin (Renata Helker) begonnen hat. In ihrem Gender-Film Theorie-Seminar habe ich zum ersten Mal Laura Mulvey und Judith Butler gelesen und dabei gelernt, Filme ganz anders zu sehen. Wir haben dann später aus diesen Seminaren heraus ein Filmemacherinnen* Kollektiv gegründet f/9, das bis heute für mich ein ganz wichtiger Raum ist, für Austausch, Kritik und solidarische Unterstützung.

Dabei war es wichtig in der Diskussion mit anderen Filmemacherinnen* zu entdecken, wie auch in meinen eigenen Filmbildern normative Vorstellungen stecken, wie sehr wir alle von einem male gaze beeinflusst sind und dabei eine männlich, westlich geprägte Kunst- und Filmgeschichte mit uns herumtragen, deren Muster und machtvolle Normen wir nur durch Bewusstmachung hinter uns lassen können. Dabei zu entdecken, wie feministische Filmemacherinnen* z.B. in den 60er/70er Jahren dem ganz bewusst eine andere Filmästhetik entgegengesetzt haben, hat mich aufgerüttelt und in mir die Frage aufkommen lassen: Wie können Frauen* auch heute anders auf Frauen* blicken?

Was macht einen Film feministisch?

Es gibt mehrere Punkte, die ich für wichtig erachte. Meiner Ansicht ist das Ringen um eine Subjektivität jenseits des vorherrschenden male gaze ganz zentral für einen feministischen Film. Es reicht aber dabei nicht, wenn wir den Helden nur durch die Heldin austauschen, aber weiter eine Erzählung setzen, die die Einheit und Kausalität einer Welt behauptet, die es nicht gibt und auch nie gegeben hat. Denn mit solchen kausalen geschlossenen Erzählungen halten wir Machtstrukturen aufrecht. Feministische Filmarbeit ging historisch immer auch mit der Veränderung von Form einher. Ein feministischer Film ist ein Film, der nicht nur inhaltlich eine Story über Frauenkämpfe erzählt, sondern der auch formal und ästhetisch die Norm aufbricht und damit auf Strukturen aufmerksam macht, jenseits reiner Einfühlung mit einem individuellen Schicksal. Denn ohne Beunruhigung, Verstörung oder offene Fragen, die bleiben, gibt es keinen Aktivismus. Meiner Einschätzung nach muss es immer darum gehen, normative Bilder und Sichtweisen zu befragen und sicher geglaubte Ansichten durcheinander zu wirbeln.

Du hast Laura Mulveys wichtigen Aufsatz zum male gaze erwähnt, mit Bechdel-Test und nach #metoo – wie sehr haben sich die produzierten Filme wirklich verändert?

Zum ersten.. der male gaze ist überall und immer noch sehr dominant. Ich begegne ihm fast jeden Tag. Und nicht zu vergessen, er ist auch in Körper eingeschrieben und prägt Körperlichkeit und die Beziehung der Körper zueinander. Die #metoo Debatte hat möglich gemacht, dass viele Menschen wieder leichter eine Sprache finden, für den Machtmissbrauch und auch ganz konkret den Missbrauch am Körper. Ich bin dafür unendlich dankbar. Wegschauen ist dadurch schwieriger geworden, obwohl es leider immer noch viel zu oft stattfindet.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte werden in vielen Filmen einfach Männer- mit Frauenrollen ausgetauscht. Das reicht aber nicht. Und es reicht auch nicht, Widerstand von Frauen nur thematisch zu erzählen, aber dann die filmische Form, die einer von weissen reichen Männern dominierten Filmwelt entspringt, beizubehalten. Ich bin immer kritisch gegenüber zu einfachen Lösungen. Deshalb forsche ich nach Fragen von ästhetischer Veränderung in feministischen Filmen von Regisseurinnen* heute. Im Endeffekt geht es darum, die Konventionen in Bildern zu befragen und neue Bildästhetiken zu finden – das ist komplexer als eine rein thematische Ausrichtung, aber genau deshalb spannend. Dazu gibt es immer noch eine grosse Blindheit bei Ungleichheiten von class, race, age und vielen anderen Differenzkategorien, die genauso Teil der Debatte um Gender und Diversität in den Medien sein müssen.

Wie sehen feministische Produktionsverhältnisse aus und wo liegen da die Schwierigkeiten?

Das Schlimmste ist auch hier die Norm, die besagt, wie ein Filmset funktionieren MUSS und wie ein*e Regisseurin funktionieren MUSS. Ich habe lange gebraucht, bis ich beschlossen habe, dass ich meinen Kurzfilm drehe, so wie ich es gut und inspirierend finde. Ich mag eine enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kamera, Kostüm und so weiter. Das braucht immer viel Zeit. Zeit, die Bilder zu befragen.

Feministische Produktionsverhältnisse brauchen einen Austausch auf Augenhöhe mit dem Team und vor allem brauchen sie den Mut im Prozess auch Raum für Zweifel zuzulassen. Erst mit der Möglichkeit als Regisseurin zweifeln zu dürfen, kam ich der Umsetzung meiner eigenen Bilder näher. Wenn nur Angst und Druck am Set vorherrscht, der Aufgabe des Regieführens nicht gewachsen zu sein, greife ich viel eher auf stereoytpe Bildlichkeiten zurück.

Wie steht’s um die Finanzierung?

Es ist ein Problem, dass unbequeme, mutige Filmprojekte es weiter so schwer haben, finanziert zu werden. Wir trauen auch den Zuschauerinnen viel zu wenig zu; das finde ich oft beschämend, wie über Zuschauerinnen gesprochen wird, und die Frage, ob das auch verstanden wird. Ich denke gerade, dass Film über seine sinnlich haptischen Möglichkeiten für alle Menschen zugänglich sein kann. «Die Branche» allgemein geht einfach zu sehr auf eine normierte Nummer Sicher, die dann oft nicht sehr aufregend ist. Immer wenn ich Chantal Akerman schaue, deren Arbeit ich sehr schätze, gibt es mir einen Stich, weil ich weiss, dass es heute wohl fast unmöglich wäre, Filme mit einer solchen formalen Radikalität zu finanzieren.

Wir können beobachten, wie diverser gedacht wird, aber teilweise nur auf einer oberflächlichen Ebene, die wieder Kapital generieren soll, aber keine Gesellschaftsstrukturen grundlegend in Frage stellt. Hauptproblem dabei ist, dass wir in einem System leben, in dem der Kapitalismus gerade bis an seine äussersten Grenzen getrieben wird, auf Kosten von Solidarität und Empathie. Wenn Feminismus und Diversität im Film dann auch nur zum Hochglanzprodukt werden, das sich gut verkaufen lässt, liegt darin kein Fortschritt. Aber es gibt auch «Lichtblicke», wie Celine Sciamma oder Mati Diop, die inhaltlich und formal ein mutiges feministisches aktuelles Kino sichtbar machen.

Können wir Gewohnheiten des Schauens und des Blickes eher «verlernen», wenn wir selbst zur Kamera greifen?

Ja, ich denke, dass es zusammen mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung dazu führen kann, dass wir uns viel bewusster werden über die Blicke – die eigenen und die der anderen. Aber auch über Körper im Raum: Warum mache ich mich so klein im Zug, während die Typen gegenüber und rechts von mir ihre Beine so breit aufstellen, dass ich sie übereinander schlagen muss, um halbwegs gemütlich sitzen zu können? Gerade dachte ich, dass ich hier ganz allein in der schönen Natur spaziere, jetzt sehe ich aber den unangenehmen Blick eines Mannes, der mich festschreibt und erstarren lässt. Wenn wir durch das Objektiv bewusst wahrnehmen und experimentieren, können wir auch auf solche kleinen Alltagsmomente mit schärferer Beobachtung reagieren und zurückblicken statt uns Blicken ausgeliefert zu fühlen.

Mit Fabrikvideo bietest du im Frühjahr einen Workshop zu Feminismus und Film an. Wie kam es dazu und wen willst du erreichen?

Ich bin seit September neu bei Fabrikvideo und habe den Workshop vorgeschlagen, worauf meine Kolleginnen mich sofort unterstützt haben. Ich möchte gerne ganz unterschiedliche Menschen mit dem Workshop erreichen, das ist eines meiner Hauptanliegen. Seit ich in Zürich bin, hatte ich das Gefühl, die Rote Fabrik ist wirklich ein Ort, der viele verschiedene Menschen erreicht. Ich komme selbst aus einer ganz und gar nicht akademischen Familie. Hätte ich nach dem Abitur nicht durch eine glückliche Fügung in München einen Videoworkshop in einem interkulturellen Zentrum gemacht, ich wäre nicht beim Film gelandet.

Welche Rolle spielt das Medium Film für feministische Kämpfe? Welches spezifische Potential hat es?

Bilder umgeben uns und Bilder formen unser Denken. Ich kann mich an so viele Momente erinnern, wo ich mich plötzlich durch Filme verstanden gefühlt habe, die etwas sichtbar gemacht haben, was mir vertraut war und wofür ich mich vielleicht sogar geschämt habe. Mehr Diversität in der Verbildlichung und Versprachlichung von Leben ist essentiell für feministische Kämpfe, für eine gerechtere Gesellschaft. Wenn wir in Kinderfilmen Frauenfiguren so dünn zeigen, dass es rein anatomisch gar nicht möglich ist, mit so einer Figur zu überleben, dann setzen wir eine zerstörerische Norm, die zum Vorbild für Mädchen wird. Wenn aber Frauen* im Film als Subjekte sichtbar werden, deren Körper jenseits von Sexualisierung zu viel aufregenderen Dingen als Männer anzuschmachten in der Lage ist, dann hat Film ein grosses politisches Potential, Denkmuster zu verändern. Aber wichtig dabei finde ich wirklich, wir dürfen uns nicht zu schnell mit einfachen Antworten zufriedengeben, sondern tiefgreifende Veränderungen sind nötig.

Welche Genderstereotypen im Film sind besonders hartnäckig?

Die Lust, das Begehren von Frauen. Ich habe mir im Rahmen meiner Forschung viele Liebes- und Sexszenen angeschaut und es schockiert mich immer wieder, zu sehen, mit welchen zerstörerischen Klischees wir hier immer noch konfrontiert sind. Lust und Begehren wird immer noch sehr oft als etwas sichtbar gemacht, was Frau* nur durch den Mann* erreichen kann. Aktives vielseitiges Begehren von Frauen*, das nicht gleichzeitig mit einem sexualisierten weich gezeichneten Körper der männlichen Lustbefriedigung dienen soll, ist immer noch sehr selten auf Leinwänden zu sehen. Der verführerische normierte Frauenkörper ist noch viel zu oft im Fokus – das ist aber ein passives Bild, ohne Handlungsmacht.

Workshop Feminismus & Film, ab Mittwoch, 11. März. Anmeldeschluss: 18. Februar Mehr Infos auf www.rotefabrik.ch/de/akteure/fabrikvideo

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