drei blitzlichter für hadayatullah hübsch

1
als ich deinen namen erstmals las, dachte ich
hadayatullah, das sei eine frau
so ne türkische femme fatale blitzte auf
mit hochgestecktem schwarzem haar
& smaragdgrün funkelnden augen
das war in jürgen ploogs «strassen des zufalls»:
«hadayatullah hübsch rief mich an. burroughs sei tot.»

nun eine mail von ploog
du seist verstorben
«eben hörte ich diese unfassbare nachricht»
ploog, der sonst so abgklärte
das schreiben der familie angehängt
du hast dich am morgen nochmals hingelegt
und bist friedlich entschlafen
auf dem bett in deinem arbeitszimmer
wo sonst?
ein letztes gedicht beginnt mit:
«und wenn das leben nun weitergeht …»

2
über deine vita die in der tat einer
«aussergewöhnlichen, jeglichen bürgerlichen
rahmen des abendlandes sprengenden erscheinung»
(faz-kündigung an dich)
würdig war
wurde genug geschrieben
an dein grosses herz
kann man nicht genug erinnern
gibt es ein letztes mal
für etwas, das nicht geschehen konnte?
es ist mir, als hätten wir uns persönlich gekannt

dein letzter brief an mich:
«danke für die blumen
(es gab mal einen deutschen schlager
der hiess so, der ging dann so weiter:
… aber komm doch lieber mal selbst vorbei)
wäre also schön, wir würden uns mal sehen
vielleicht ergibt sich eine möglichkeit
zur frankfurter buchmesse
oder so …»

im ohr ein podcast von swr1
du erzählst von fritz teufel
«der ist mittlerweile auch tot»
& dann erklärst du, dass die muslime dekadent geworden seien
den geist des islams verlassen hätten
sich bloss noch um äusserlichkeiten kümmerten
«kein zwang!
kein zwang!
kein zwang!
durch zwang verkrüppelt man nur die leute»

3
da gehen sie umher, deine jungs
in knallgelben leuchtwesten
weisen sie autos in die parkplätze ein
vor dem südfriedhof sachsenhausen
ich sehe dich vor mir wie du auf nem flashback
durch die strassen tripst & zeternd autoscheiben einschlägst
in der heutigen faz ein posthumer aufschrei von dir
wegen sarrazins falschzitaten aus goethes west-östlichem divan

ich erinnere mich an carl weissner
blaues sofa, frankfurter buchmesse
sarrazin ist soeben abgetreten, doch in hörweite
die luft noch ein bisschen heiss, das sofa auch
& carl bittet um einen einzigen satz
«ich hab beschlossen, dass ich thilo sarrazin erst ernst nehme
wenn er seine thesen live im türkischen fernsehen vertritt
vor einer horde von islamischen schriftgelehrten
& türkischen genetikern, vorher nicht …»

du, von fuss bis hals in ein weisses laken gehüllt
siehst so anders aus als auf den fotos
dann ein weisses tuch auch über dein gesicht
deckel auf den sarg
die bestatter gleichen polizisten
mit ihren blauen jacken & den mützen
schäufelchen
um
schäufelchen
erde
auf deinen sarg
sind alle durch, kommt der bagger

jürgen wird von nem kamerateam interviewt
ein junger mann reicht mir die hand
der sohn eines guten freundes
«alles was er tat, tat er in extremen»
«in den 70ern hätte man – hat man – ihn
mit brinkmann gleichsetzen können,
danach kam auf einmal zu viel
das konnte nicht alles gut sein …»
bemerkt jemand
die sonne blitzt durchs geäst
ein flugzeug startet einige kilometer entfernt

jürgen neben mir
streift seine schwarzen lederhandschuhe ab
schaut gen himmel, kommentiert die maschine
& setzt sich ans steuer

krankfurt
nanntest du diese stadt

die züge fahren nicht, keiner weiss warum
das gerücht geht um, dass irgendjemand
versucht hat irgendwas in die luft zu jagen

Pablo Haller (*1989), Autor und Co-Verleger des Verlags Der Kollaboratör (Luzern), Musiker (Ron y Ruido), Performer und Reisender. Haller interessiert sich für die Ränder des Zeitgeschehens und schreibt momentan an seinem ersten Roman ‹Die Rückkehr›.

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