Was ist eigentlich eine Familie? Und was kann Theater leisten um unsere Vorstellungen davon zu prägen? Laura Leupi besuchte das Theaterstück «Knapp e Familie», das ab 5. Februar im Fabriktheater zu sehen ist. 

Eine Reflexion.

Da sitzen sie jetzt also, die beiden erwachsenen Menschen, in ihrem erwachsenen Zuhause, in ihren erwachsenen Kleidern und mit ihren erwachsenen Lachfalten. Schön. Aber halt: «Irgendöppis fählt.» – «Was?» – «Es Chind.» 

Ein Kind, das mensch lieben und halten kann, um das mensch sich kümmern muss, das einem Sinn gibt. Ob meine Eltern sich das auch gedacht haben, an diesem «schönen Weihnachtstag 1995, nachdem die Verwandten endlich gegangen waren» (Zitat Vater)? Und ob sie sich das Kind so vorgestellt haben, wie es – ich – jetzt herausgekommen ist? Norah Vonder Mühll und Stefan Colombo stellen sich in «Knapp e Familie» jedenfalls alles möglich vor. Geschrei! Herdöpfelstock! Ferien in Finnland! Das Fantasiekind spricht plötzlich Französisch, wechselt sein Geschlecht schneller als das Bühnenbild und dann will es eigentlich auch schon ausziehen. Tja. Familienleben! 

Ich gebe zu, ich habe „Knapp e Familie“ mindestens 100 mal (okay, vier mal) gesehen, ich habe mitgefiebert und mitgeträumt und hätte beinahe gemeinsam mit den Kids im Publikum die Bühne gestürmt, als die beiden erwachsenen Menschen versuchen, das Tagebuch des Fantasiekindes zu lesen. Ich liebe dieses Stück. Aber warum eigentlich sind die beiden nur «knapp e Familie» und nicht zusammen schon Familie genug? Warum ist Familie scheinbar immer noch erst dann vollständig, wenn die Formel «Kind-Haus-Hund» erfüllt ist? Das Patriarchat lässt grüssen. 

Kinderfragen

Vielleicht ist das hier auch die falsche Frage. Die Familienvervollständigungskinder sind schliesslich bereits da und wollen im Theater unterhalten werden. Oder mindestens eine Antwort auf die Frage erhalten, was die erwachsenen Menschen eigentlich von ihnen denken, wie es im Flyertext steht. Das Stück verspricht «Einblicke in das geheime Leben der Erwachsenen». Oh Schreck. Das sollte doch auf jeden Fall vermieden werden. Stellen Sie sich vor, wenn die Kids auch noch herausfinden, was wir erwachsenen Menschen wirklich denken – und dass wir tatsächlich von ziemlich wenig eine Ahnung haben. Dann kleben sie sich vielleicht bald nicht mehr nur auf die Strassen, sondern gleich vor die Wohnungstür und verlangen Antworten auf Fragen, wie: Warum, Eltern, dürft ihr so lange wach bleiben und Wein trinken und ich nicht? Warum, Eltern, zählt ihr immer bis drei? Was, Eltern, passiert nach drei? Warum, Eltern, habt ihr mich auf diese Welt gesetzt? Obwohl ihr wusstet, dass es bald den Bach runter geht? 

Diese Fragen stellen sich für mich gerade sehr akut. In meinem Umfeld geht es mit dem Kinderkriegen langsam los (oder eher mit dem darüber Reden, denn Kinder kann mensch sich heutzutage mit Ende zwanzig nicht mehr leisten). Was würde ich dem Fantasiekind auf diese Fragen antworten? Klar, es ist der absolute Klimakiller, Kinder zu haben. Nichts ist so schädlich fürs Klima wie ein neuer Mensch, der wohnen, essen, leben muss. (Trotzdem: Stellen Sie sich eine Welt ohne Kinder vor. Oder ohne Teenager! Wie furchtbar.) 

Ausserdem ist ein Kind in einem so auf binären Strukturen beharrendem Land wie der Schweiz potenziell der direkte Weg zurück in die Rollenaufteilung der 50er Jahre. Oder in die Armut. Kinder sind das grösste Armutsrisiko für FINTA (Frauen, inter, trans, nicht binäre und agender Personen). Weil sie mehr Teilzeit arbeiten und finanziell von ihren Partner*innen abhängig sind. Weil Betreuungsplätze in der Schweiz rar sind und teuer. Weil es sich darum für gewisse FINTA kaum lohnt, arbeiten zu gehen, weil ihr Lohn vollständig für die Betreuungskosten draufgeht. Weil FINTA in der Schweiz immer noch durchschnittlich 18.4 Prozent weniger verdienen. Weil die patriarchale Dominanzkultur immer noch davon ausgeht, dass Mutterschaft die grösste Erfüllung einer «Frau» ist und Care-Arbeit keine Arbeit, sondern «Liebe». 

Eine Männerfantasie

Wo war ich stehen geblieben? Genau, beim Theater. Im
Theater geht es eigentlich seit immer um Kinder, beziehungsweise um die Familie. Ödipus, Antigone, Hamlet, Der Besuch der alten Dame, Der Gott des Gemetzels: Familiendramen! Oder eher Krisenerzählungen patriarchaler Strukturen.
Dabei bildet besonders die «Frau» den Kern dieser Erzählungen, den Kern der bürgerlichen, weissen Vorstellungen von Geschlecht, von Familie, von heteronormativen Strukturen. Und daran ist das europäische Theater nicht unschuldig: Seit der Antike war das europäische Theater a man’s world, erst im 16. Jahrhundert tauchen mit der Commedia dell’Arte professionelle Schauspielerinnen auf. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wird dann gleichzeitig mit der Geschlechterordnung auch das Theater neu organisiert. Es wird zum zentralen Medium des neu entstandenen Bürgertums [sic], hier kann es seine Reformgelüste öffentlichkeitswirksam inszenieren. 

Das Theater muss «verbessert» werden, professionalisiert, diszipliniert und literarisiert, kurz: es muss «aufklären», belehren, bilden. Das trifft besonders die Geschlechterordnung, durch sie werden die Reformen legitimieret. Wo
vorher sozusagen theatraler Wildwuchs und körperliche Disziplinlosigkeit ausgemacht wurde, wird nun durch geschlechtliche Hierarchie und Codierung die Schauspielerei professionalisiert – so benimmt sich ein Mann, das ist eine Frau. Das wirkt wiederum zurück auf das Publikum im Saal, das im Theater nun nicht nur lernt, still zu sitzen, sondern auch die neuen Geschlechtercodes verinnerlicht. Und es wirkt zurück auf die Stoffe und Stücke: Emilia Galotti, ein Ausbund bürgerlicher Tugenden und Moralvorstellungen. Nathan, der Weise, der Humanist, der ideale Mann. Auch 100 Jahre später muss sich Henrik Ibsens Nora, die Mann und Kinder verlässt, an Mutterrolle abarbeiten. Und der grosse Verrat im Besuch der Alten Dame ist der Verrat am bürgerlichen Eheversprechen.

Der Glaube ans Theater

Natürlich gab es auch immer Subversion. Besonders Komödien erlaubten es, Stereotype aufzubrechen und zu unterwandern. Die Travestie gehört zum Theater wie Schweiss, Schminke und Lampenfieber. Und seit einigen Jahren schreiben und inszenieren auch nicht mehr nur cis Männer Theaterstücke. Spätestens seit den 1990er-Jahren und dem postdramatischen Theater ist eh alles whatever, oder? Und spielt das Theater überhaupt noch eine so grosse Rolle, so gesellschaftlich und politisch und generell? Nennen Sie mich ein*e hoffnungslos*e Romantiker*in, ich glaube ans Theater. Besonders ans Theater für junges Publikum. 

Eigentlich geht es nur hier richtig ab! Hier kommen die grossen Emotionen auf die Bühne, hier werden die grossen Fragen debattiert: Wer bin ich? Wer sind die Anderen? Warum ist die Welt so ungerecht? Was ist eine Familie? Im Theater für junges Publikum reicht ein Plastiksack und ein Velolicht – und zack schwebt der grosse Drache Fuchur über die Bühne. Aus einem Klavier kann eine Wohnung, ein Auto oder ein Klassenzimmer werden. Und aus einem Kühlelement ein schreiendes Baby, so wie in «Knapp e Familie». Im besten Fall passiert das «ohne didaktischen Zeigefinger», mit «Beharrlichkeit» und «Mut», so wie bei Sgaramusch, wofür die Gruppe 2018 den Schweizer Grand Prix Theater / Hans-Reinhart-Ring erhielt. Fantasie steht im Zentrum, junge Menschen werden in ihrer Perspektive ernst genommen. Und diese Perspektive brauchen wir dringend. Die meisten erwachsenen (?) Menschen in meinem Umfeld scheinen nämlich entweder im Selbstzerstörungsmodus gegen die immer gleiche Wand zu rennen. Oder sie schreien die Wand an. Oder sie liegen weinend davor – es ist nicht so einfach im Moment. 

Umso wichtiger scheint es mir, Kindern und Jugendlichen zuzuhören. Was denkt ihr? Was braucht ihr? Was würdet ihr tun? Auch in Bezug auf unsere Vorstellungen von Familie können wir Erwachsenen von Kindern und Jugendlichen lernen. Für sie können nämlich auch eine Plüschschildkröte, ein Plastiktopf, ein Grashalm oder die*der beste Freund*in zur Familie gehören. Frei nach Donna Haraway: Make kin not only kids. 

Von Laura Leupi

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