Das Theaterstück «Nach uns die Zukunft» feiert am 8. Dezember 2022 um
20 Uhr Premiere im Fabriktheater. Dazu begab sich die Fabrikzeitung auf Probebesuch bei kraut_produktion. Beim Mittagsschwatz erzählt Theater-
regisseur Michel Schröder vom Tiefpunkt unserer Spezies, dem Erschaffen von Poesieräumen und dem englischen Parlament.

Fabrikzeitung: Hoi Michel, was habt ihr gerade einstudiert?

Michel Schröder: Du hast gerade Probematerial gesehen, welches eigentlich bereits abgeschrieben war. Nun hat es sich ergeben, dass es vielleicht doch spannend sein könnte. Wir testen spielerisch aus, inwiefern wir es ins Stück einarbeiten können.

FZ: Wie sieht der Prozess von der Idee bis zur Realisierung des Stückes aus?

MS: Es gibt zwei Phasen. In der anfänglichen Recherchephase sammle ich alles mögliche: Von Ideen über ganz konkrete Texte bis hin zu Material, bei dem nicht klar ist, wofür es eigentlich gut ist. Darauf folgt der Suchprozess. Dieser findet gemeinsam mit dem Ensemble statt. Erst durchs Sprechen und Vorführen merkt man, ob ein Text oder eine Idee funktioniert. Dann wird rigoros aussortiert, umgewandelt und durch die Fantasie, das Können und Talent jeder einzelnen Person ergeben sich neue Ansätze. Es ist ein stetiger Prozess bis kurz vor Schluss. Bis die Kompositionsarbeit beginnt und sich ein Ablauf wie von selbst aufdrängt.

FZ: Wie lange probt ihr für die Premiere am 8. Dezember?

MS: Es werden dann ungefähr sechseinhalb Wochen gewesen sein. Das entspricht der Norm bei einem solchen Projekt.

FZ: Kommen wir ein bisschen mehr auf den Inhalt zu sprechen. Der Titel lautet: «Nach uns die Zukunft». Was war deine erste Assoziation dazu?

MS: Nun, in erster Linie sicher viel Ungewissheit. Nur schon klimatechnisch gesehen, sind es nicht die rosigsten Aussichten, die auf uns zu kommen. Da fragt man sich zu Recht, wohin das führen wird.

FZ: Dreht sich das Stück konkret um die Klimakrise?

MS: Themen wie das Klima und gesellschaftliche Konflikte schwingen mit und werden künstlerisch umgesetzt. Viele Assoziationen werden allerdings dem Publikums überlassen, sind also nicht explizit. In erster Linie geht es ums Scheitern der Menschheit an der eigenen Spezies. Wir haben uns an die Spitze der Evolution katapultiert und jetzt schiessen wir uns selber ab, indem wir unseren Lebensraum zerstören. Wir sind sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung, aber kriegen es einfach nicht gebacken.
FZ: Welche Absicht verfolgt das Stück?

MS: Es soll die ganze Ambivalenz des menschlichen Daseins zeigen. Denn das Leben ist neben allen Schwierigkeiten ja auch toll und soll Spass machen. Im Vordergrund unseres Stücks steht daher die Unterhaltung, nicht das Belehren. An den Vorführungsabenden eröffnen wir einen Raum explizit fürs Scheitern. Im besten Fall verändert dieses neue Erlebnis die Zuschauer:innen wenigstens ein Bisschen, weil wir neue Poesieräume geschaffen haben. Das ist immer das Ziel, aber das schaffen wir auch nicht immer.

FZ: Inhaltlich weist dieses Stück Parallelen zu deinem vorherigen Theaterstück «21th Century Skills» auf. Verstehst du «Nach uns die Zukunft» als Fortsetzung davon?

MS: Nein, eigentlich nicht. Vielleicht in dem Sinn, dass wir als Theatergruppe stets neue Formen suchen, uns mit gesellschaftlichen Fragen im Allgemeinen auseinandersetzen. Wir knüpfen aber nicht direkt an das vorherige Stück an.

FZ: Ihr habt auch ein Miniaturmodel der Bühne aufgebaut. Kannst du etwas dazu erzählen ohne bereits zu viel zu verraten?

MS: Die Ausgangslage, in der sich die Zuschauer:innen wiederfinden, orientiert sich am englischen Parlament, genauer gesagt am Unterhaus. Bühne und Tribüne verschmelzen. Man hockt sehr nah beieinander. Es wird eng und heiss. Diese Situation soll das Bild der Überbevölkerung, der menschlichen Monokultur suggerieren. Wenn alles gerodet wurde und nur noch wir übergeblieben sind – was dann?

FZ: Welchen Mitteln bedient ihr euch sonst noch um Inhalte zu vermitteln?

MS: Musik nimmt in unseren Stücken eine sehr zentrale Rolle ein. Mit der Absicht in Zukunft unsere Sounds selber zu produzieren, haben wir uns während Corona einen Synthesizer zugetan. Wir arbeiten auch sehr oft mit Videos: Diese übernehmen einerseits eine zentrale erzählerische Funktion, andererseits funktionieren sie wie ein Zusatzkosmos. Ein Raum, der sich im Hintergrund auftut.

FZ: Die Welt geht unter. Welche Szenenbilder schiessen dir durch den Kopf?
MS: Bilder, wie in 300 Jahren die Aliens bei uns landen, unsere menschliche Müllhalde vorfinden und sich kopfschüttelnd fragen, wie wir uns selber unserer Lebensgrundlage berauben konnten. Ein für mich sehr reizvolles und beängstigendes Bild. Mir gefällt die Idee des Perspektivenwechsels. Wenn man im fortgeschrittenen Zustand nochmals von aussen auf die Welt schaut und sich Restideen, Utopien, Wünsche, Träume und Albträume erneut materialisieren.

FZ: Das Motto des Stückes ist: «Im Nachhinein ist man immer schlauer». Wann traf das das letzte Mal auf dich zu?

MS: Ich bin eine Person, die nicht explizit mit der Vergangenheit hadert, sich aber doch peinliche Situationen vergegenwärtigt und denkt, dass hätte ich in der Situation vielleicht besser anders formulieren oder machen sollen. Aber grundsätzlich probiere ich sehr im Moment zu leben. Bei uns Menschen ist es doch so: Selbst wenn wir
etwas aus einer Situation gelernt haben, heisst es nicht gleich, dass wir daraus die richtige Leere gezogen haben. Dazu fällt mir ein Zitat von Karl Kraus ein, der sagte: «Österreich ist das einzige Land, das aus Erfahrung dümmer wird». Zum Teil kann man das auch auf die ganze Menschheit beziehen.

FZ: Was vermag dich heutzutage immer noch ins Staunen zu versetzen?

MS: Wie wir Menschen leben und versuchen, das Leben zu bewältigen, von der Geburt bis zum Ende. Welche Wege wir einschlagen, welche Formen das Leben annimmt und wie man sich selbst verändert. Das ist es auch, was mich an dieser Arbeit so interessiert. Immer ist alles gleichzeitig. Gleichzeitig faszinierend, beängstigend aber auch lustig.

FZ: Was bedeutet dir Theater persönlich?

MS: Einerseits ist es ein Ventil, andererseits ein grosses Privileg. Ich darf mich in meiner Arbeit mit dem Leben an sich beschäftigen, wie ich eben erwähnt habe. Zum Beispiel ist es immer wieder Inspirationsquell, wenn Leute irgendwelchen wahnwitzigen Schwachsinn rauslassen. Und da bin selbst auch Teil davon: Ich bin widersprüchlich, ich habe kein stringentes Leben, ich scheitere immer wieder. Und genau dieses Scheitern am Leben und das Versuchen, trotzdem weiter zu machen, finde ich einen sehr spannenden Zustand.

FZ: Das klingt nach sehr viel Reflexionsarbeit.

MS: In gewisser Weise, doch nicht im intellektuell wissenschaftlichen Sinn, sondern eher auf künstlerische Ebene. Wie sich das dann äussert, ist sehr unberechenbar und wird erst in der Zusammenarbeit mit anderen interessant. Erst dann wird’s vielfältig. Es ist eine sehr gemeinschaftliche Arbeit. Es entsteht ein eigener kleiner Kosmos. Deshalb würde ich gerne alle Beteiligten noch hier im Anschluss erwähnen. Sie sind elementare Bestandteile des Prozesses und tragen ebenfalls zum Erfolg des Stückes bei:

Nach uns die Zukunft
Premiere: 8. Dezember 2022, 20 Uhr
Fabriktheater

Spiel: Dominik Gysin, Marie Popall, Christoph Rath,
Daniela Ruocco, Denise Wintsch
Bühne: Damian Hitz / Licht: Marek Lamprecht
Kostüm: Nic Tillein / Video, Musik: Roland Schmidt
Produktionsleitung: Lukas Piccolin
Collage: Trudi Müller Gais

Interview mit Michel Schröder
von Yurena Rubido Chaves

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