Über Ethik und Umweltschutz wird ständig viel gesprochen. Und doch siegt beim täglichen Konsum trotzdem meist das Lustprinzip. Macht uns das aber auch wirklich glücklicher? 

Wo so viel Freiheit ist, dort braucht es auch Verantwortung.

Der schmale, schwarze Kasten sieht auf den ersten Blick aus wie ein Lieferwagen. Dennoch hat das «Unreal Estate House» alles, was ein Heim braucht: das Schlafzimmer im oberen Stock, eine Küchenzeile, Sitzgelegenheiten und eine Dusche. Ausgedacht hat sich das Miniaturhaus der Architekt und Aktivist Van Bo Le-Mentzel. Ein Exemplar steht in Berlin und kann kostenlos genutzt werden. Es reduziert den privaten Raum auf ein absolutes Minimum. Dafür wird das Kaffeehaus um die Ecke zum Wohnzimmer und der Hammam zum Bad.

Hierzulande wird gerne über Dichtestress geklagt. Während die Schweizer 1980 noch 34 Quadratmeter pro Kopf beanspruchten, sind es heute tatsächlich bereits 45. Im Privaten geniesst der Durchschnittsschweizer also mehr als genug Platz. Den Durchbruch haben die sogenannten «Tiny Houses» hier folglich nicht geschafft, und doch sind sie als Trend zu verorten. Denn sie vereinen verschiedene Strömungen. Dank ihrer geringen Grösse und einer besseren Ausnutzung der schon bestehenden Infrastruktur des öffentlichen Raumes hinterlassen sie einen viel kleineren ökologischen Fussabdruck als reguläre Wohnhäuser. Auf den nur wenigen Quadratmetern Raum können zudem auch nur die unbedingt nötigsten Dinge verstaut werden. Rund um den Globus verzichten Menschen je länger je mehr freiwillig auf materiellen Überfluss. So sucht etwa die von ihrem prekären ökonomischen Status gebeutelte japanische Jugend eine Neuorientierung in einer Ethik und Ästhetik des Verzichts.

Zero Waste – oder ein Konfiglas voll

Der Gedanke, dass weniger mehr ist, übt auf immer breitere Kreise eine grosse Faszination aus. Dabei bedeuten weniger Dinge oder Konsum und mehr gemeinsame Nutzung auch weniger Abfall und Verpackung. In Deutschland und Frankreich schreiben Geschäfte wie «Unverpackt», in denen man Nahrungsmittel in mitgebrachte Gefässe einfüllen lassen kann, seit den letzten Jahren eine Erfolgsgeschichte. Auch in der Schweiz sind mittlerweile Läden wie das Quartiercafé «Foifi» in Zürich oder «Chez Mamie» in Sion zu finden. Materialmärkte wie «Offcut» sind Pioniere der Schweizer Upcycling-Bewegung. Das Prinzip ist simpel: Statt in den Müll wandert brauchbares Bastel- und Künstlermaterial in ein Lager, wo Angebot und Nachfrage zusammengebracht werden. Vor einigen Monaten sorgte die «Zero Waste»-Pionierin Bea Johnson an der ETH mit einem Konfitürenglas für Aufmerksamkeit. Darin befindet sich der gesamte Abfall, den ihre Familie in einem Jahr produziert hat.

Mit ihrem puristischen Lebensstil treibe Johnson die buddhistisch angehauchte Simplify-your-Life-Bewegung auf die Spitze, hiess es nach der Veranstaltung den Medien. Dennoch ist ihr Blog mittlerweile weltweit bekannt. Gewiss, es ist – global betrachtet – eine kleine Elite hoch oben auf der gesellschaftlichen Wohlstandsskala, die es sich leisten kann, den Verzicht als Modeströmung zu zelebrieren. Dennoch ist es eine Reaktion auf ein riesiges Überangebot von Nahrung, Konsumartikeln und Wahlmöglichkeiten. Hat die Schweizer Bevölkerung während des Zweiten Weltkrieges noch 35 Prozent ihres Lohnes für Nahrung ausgegeben, sind es heute noch etwa sieben. In den letzten Jahren ist der frei verfügbare Anteil des Einkommens kontinuierlich gestiegen. Das weckt zusätzliche Bedürfnisse und verführt.

Der «Westliche Wohlfühlkapitalismus» lebt nicht über seine eigenen Verhältnisse, sondern über die von anderen.

Der deutsche Philosoph Gernot Böhme bezeichnet diese neuen Begehren nicht mehr als existenzsichernd. Viel eher geht es um Lebenssteigerung, Ausstattung und Gesehen-Werden. Die Waren haben einen neuen Wert erhalten. Sie dienen der Inszenierung des eigenen Lebens und dem Lifestyle von Firmen, Städten aber auch der Politik. Seit dem Entstehen der Umweltbewegung in den 1980er Jahren wurde zwar vermehrt über Themen wie Tierethik, faire Mode oder Abfallvermeidung gesprochen. Dennoch sind in der Schweiz Online-Händler wie Zalando, trotz Plastik und Paketen, begehrt wie nie. Und wenn die Detailhändler am «Black Friday», einem aus Amerika importieren Ausverkaufstag, der das Weihnachtsgeschäft einläuten soll, ihre Restposten verscherbeln, dann geraten die Konsumenten auch hierzulande ausser Rand und Band. Ebenso bewegt sich der Fleischkonsum auf konstant hohem Niveau. Das liegt daran, dass sich die Einstellung zum Lustprinzip in den letzten Jahren radikal verändert hat. Nicht Arbeit, Sparen und Askese zeichnen das gute Leben aus, sondern Freizeit, Konsum und Spiel. Koste es, was es wolle. Hier unterschieden sich die Babyboomer und die ihnen folgenden Generationen stark von der Nachkriegsgeneration.

Ein grosser Widerspruch ist, dass Gesellschaften, auch wenn sie im Überfluss leben, stets ideologisch im Knappheitsdenken hängenbleiben. Fast alle Konsumenten haben das Gefühl, zu wenig Geld zu haben. Egal, wie viel sie verdienen. Eine Folge der ständigen Innovation der Produkte – und der Schwierigkeit immer neuen Anschaffungen widerstehen zu könnten. Ein Nebeneffekt dieses Mechanismus ist, dass die Menschen unter permanenter Zeitnot leiden. Das Mass an notwendiger Arbeit lässt sich kaum in Einklang bringen mit den unerschöpflichen Möglichkeiten an Hobbys, Reisen oder dem digitalen Medienkonsum. Die Angebote zur Steigerung von Ansehen und Ausstattung führten eher dazu, dass das Gefühl entstehe, zu kurz gekommen zu sein.

Um diesem entgegenzuwirken, wird die Lebenszeit vollgepackt. Der Trip mit dem Rucksack durch Südostasien ist zum Statussymbol einer ganzen Generation geworden. Rastlos hastet diese von einer Destination zur nächsten. Wer dann im «Save the World»-Shirt (Made in Bangladesh) am Strand von Koh Phangan sitzt, dem müsste es doch eigentlich leise dämmern: Wo so viel Freiheit ist, dort bräuchte es zwingend auch Verantwortung. Und zwar im gleichen Masse, wie die Freiheit zunimmt. Auch wenn die zahlreichen Kausalketten, durch die wir zu unseren Produkten kommen (wie zu besagtem T-Shirt und Billigflug), nicht mehr überschaubar sind.

Was würde man wählen, wenn man es niemandem sagen und zeigen könnte?

Der Soziologie Stephan Lessenich spricht in diesem Zusammenhang von einer Externalisierungsgesellschaft. Damit ist gemeint, dass durch die weltweite Abwälzung von Zwängen Freiheiten geschaffen würden. Der «Westliche Wohlfühlkapitalismus» lebe nicht über seine eigenen Verhältnisse, sondern über die von anderen. Meist leben diese auf der anderen Seite der Erde. Durch die Zerstörung von deren Lebenswelten und Ressourcen kommender Generationen werden die eigenen Chancen gesichert und erhöht. Zweifellos, das ist nicht die Sorte von Erkenntnis, die nach einem anstrengenden Langstreckenflug zu einem Sonnenuntergang am Hippie-Strand passen. Dennoch täte dort im Grossen, wie auch im Kleinen vor dem Regal im Grossverteiler, Transparenz not. Auch, oder vor allem, weil wir nicht immer so handeln, wie es eigentlich unseren wohlüberlegten Interessen entspricht.

Die Sozialwissenschafterin Lisa Herzog erklärt dies mit einer grundlegende Eigenschaft der menschlichen Wahrnehmung. Wir registrierten nicht so sehr das, was gleich bleibt, sondern vor allem das, was sich ändert. Deswegen flaut der Wunsch nach mehr oder zumindest nach anderem auch bei denjenigen kaum ab, die schon sehr viel und vielleicht schon sehr viel mehr als andere besitzen. Hinzu kommt der ewige Vergleich mit dem Nachbarn, der Kollegin oder dem Mann auf der Strasse. Herzog schlägt deshalb vor, sich bei Kaufentscheiden zu überlegen, was man wählen würde (die überlebensnotwendigen Güter ausgenommen), wenn man es niemandem sagen und zeigen könnte. Das Gedankenexperiment zeigt, dass der Weg zu einem menschlichen Mass viel eher über die Psychologie statt über Verbote gehen muss. Voraussetzung dafür ist eine seelische Zufriedenheit, die durch starke Beziehungen – und im besten Fall auch durch Bildung erreicht wird. Dann kann eine gesunde Askese durchaus zum Wohlbefinden beitragen, dem der Menschen und auch dem der Natur. So betrachtet sind die Miniaturhäuser nicht so absurd eng, wie sie auf den ersten Blick erscheinen: Sie vereinen alles Wesentliche auf kleinstem Raum. Dadurch wird dieses wieder greifbar, überschaubar. Das erzeugt ein Gefühl von Sicherheit – und das ist doch das Fundament für gelegentliches Glück, nicht?

 

Die Tagung Religion & Migration im interkulturellen Radio findet am 8. und 9. Dezember im Clubraum der Roten Fabrik statt.

 

Seraina Kobler ist Journalistin und Mitglied des Schweizer Presserates.
Seraina Kobler wird am 8. Dezember in der Roten Fabrik an der Tagung «MIGRATIONRELIGION – passt das zusammen im interkulturellen Radio?» über das Recht auf Information und freie Meinungsäusserung im Allgemeinen und die Rechte und Pflichten von Journalistinnen und Journalisten im Speziellen sprechen.

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