Samstagnachmittag. Basler Stadtrand. Krähen auf frisch gepflügtem Acker. Baugerüst. Betonmauern. Fünfstöckiger Rohbau. Auf der Freiburgerstrasse, vor dem Zoll: Stau. Einkaufstourist*innen fahren nach Deutschland. Vom starken Franken profitieren. Auf dem Bahndamm: ICE kreuzt Güterzug mit fabrikneuen Autos.

Ich gehe zur neuen Pforte, ein kleines Gebäude aus Sichtbeton und Glas. Links oben ist der Schriftzug «Gefängnis Bässlergut» im Beton eingelassen. Die neue Pforte ist erst seit wenigen Wochen geöffnet.

Das Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-Stadt baut neben dem bestehenden Ausschaffungsgefängnis Bässlergut ein neues Gefängnis. Mehr Haftplätze für kurze Freiheitsstrafen. So werden die 43 provisorischen Haftplätze für Strafhaft im Ausschaffungsgefängnis wieder frei für ihren ursprünglichen Zweck: Administrativhaft. Eine Massnahme, um zu verhindern, dass Sans-Papiers, Menschen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung, weder illegal ausreisen noch untertauchen. Heute leben bis zu 30 Männer im Bässlergut in Administrativhaft. Ihnen wird keine kriminelle Tat zur Last gelegt. Sie warten auf ihre Ausschaffung oder, wenn eine Ausschaffung nicht möglich ist, auf ihre Freilassung und ein Weiterleben mit acht Franken-Nothilfe pro Tag. Die Administrativhaft ist begrenzt auf 18 Monate. Im Bässlergut sind nur Männer inhaftiert. Frauen sind im Gefängnis Waaghof in der Basler Innenstadt untergebracht.

Die Glasschiebetür öffnet sich automatisch. Wie in einem Laden. Elegant. Unheimlich. Im Eingangs­raum am Schalter schiebt mir der Gefängnisbeamte einen Schlüssel unter dem Fenster hindurch. Ich schliesse meine Sachen ein. Einzig meinen Notizblock nehme ich mit und eine Flashcard – ein Code für Telefonguthaben, aufgedruckt auf einen Kassenbeleg. Ich fülle Formulare aus. Eine weitere Glastüre. Metalldetektor. Der Gefängnismitarbeiter in blauen Kleidern führt mich höflich und bestimmt in den Hof. Rechts der neue Rohbau. Es riecht nach frischem Bau. Wir gehen zum Gebäude auf der linken Seite. Er öffnet mit seinem Badge die Türe. Drehkreuz. Ein weiterer Mitarbeiter nimmt mich entgegen. Tür. Gang. Noch eine Türe. Nun bin ich im Besucherraum. Sichtbeton. Schwarzer Boden. Stühle, Tische. Eine Wand ist giftgrün gestrichen. Überwachungskameras in dunklen Glashälften. Bunte beliebige Bilder an den Wänden. Eine Zimmerpflanze. Heute besuche ich Amine. Zum ersten Mal. Ich setze mich, warte. Lege meinen Schlüssel, Stift und mein Notizblock auf den Tisch. Ich sitze beim offenen Fenster. Draussen laute Pop-Musik, Schreie und ein Basketball, den die Männer im Hof auf dem Beton­boden prellen. Die grosse Stahltür öffnet sich. Ein Mitarbeiter führt Amine in den Besucherraum. «Amine Fadeelah?» Er nickt. «Sprichst du Deutsch? Français?»

«Français et arabe. Comme vous voulez.» Er lächelt, setzt sich. Amine hat braune Augen, eine hohe Stirn. Kurze, braune Haare und einen Dreitagebart. Er trägt eine blaue Trainerhose, ein graues T-Shirt und Schlappen. Ich bin Silvan und Teil einer Gruppe von Freiwilligen, die im Bässlergut Besuche macht. «Wie geht es dir?» frage ich auf Französisch. «Es geht. Es ist hart hier drin. Trist. Langweilig. Mir bleiben wenig Dinge zu tun. Zum Glück bin ich alleine in meiner Zelle. Mein Fernseher läuft den ganzen Tag. Meistens schaue ich Dokumentationen, Nachrichten und natürlich Sport. Immerhin habe ich ein Fenster an der Gefängnisfront. Ich sehe die Strasse vor dem Zoll und den Bahndamm, es tut gut zu sehen, dass da draussen Menschen sind. Die Tage hier sind immer gleich. Um 7:15 wird meine Zelle aufgeschlossen. Dann gehe ich drei Stunden arbeiten. Oder auch nicht. Die Arbeit ist zu monoton. Medikamentenschachteln falten oder Elektroteile zusammenstecken. Am Mittag esse ich in der Zelle. Am Nachmittag ist Besuchszeit oder Hofgang. Die Zellen auf der Station sind offen. Wir besuchen einander. Trinken Tee, rauchen oder spielen Karten. Manchmal bleibe ich nur in meiner Zelle. Es gibt Tage, an denen ich die Sorgen der anderen nicht ertrage. Sorgen machen krank im Kopf. Um 17:15 ist Zelleneinschluss. Am Abend esse ich alleine in der Zelle, wenn ich überhaupt esse. Das Essen schmeckt mir überhaupt nicht. Zum Glück gibt es im Gefängniskiosk Oliven und Thon in Dosen. Immer freitags decke ich mich dort ein. Wenn ich zu wenig habe, tausche ich mit Kollegen in den anderen Zellen. Ich mache mir dann einen kleinen Salat. Nach dem Essen dusche ich, rauche am Fenster, schaue auf die Strasse vor dem Zoll und schaue den Zügen zu. Gegen Mitternacht lege ich mich ins Bett. Selten schlafe ich gut. Kopfschmerzen, das kannst du dir nicht vorstellen, Silvan. Wenn es ganz schlimm ist, klingle ich, frage nach einem Schmerzmittel. Ich erhalte eine Tablette, in Wasser aufgelöst in einem Plastikbecher.»

Warum bist du hier? Willst du mir das erzählen? «Ich bin mit 16 Jahren von Marokko mit dem Schiff nach Spanien geflüchtet. Bekannte meiner Familie haben mich in Italien aufgenommen. Ich habe zuerst in Neapel und dann in Rom gelebt. Dort habe ich eine Ausbildung als Pizzaiolo gemacht und in einem Restaurant gearbeitet. Die Arbeit hat mir Spass gemacht, nur, die Pizzeria lief nicht gut. Ich zog weiter nach Frankreich, lernte meine Ex-Freundin kennen, arbeitete in einer Fabrik. Das war der ruhigste Abschnitt meines Lebens in Europa. Ich war zufrieden. Glücklich.» Er hält inne, nimmt den Stift. Kritzelt arabische Zeichen auf dem Notizblock. Spricht weiter.

«Wir stritten uns immer mehr. Wir waren kulturell zu verschieden und zu eng aufeinander. Wir trennten uns. Ich reiste in die Schweiz. Hier verurteilten sie mich, weil ich bei einer Schlägerei auf dem Claraplatz in der Basler Innenstadt eingegriffen habe und den Namen des Täters nicht verriet. Ich sass 21 Monate in Strafhaft. Nun wollen sie mich nach Marokko ausschaffen. Marokko will mich nicht, weil ich nie einen Pass hatte und als Minderjähriger das Land verlassen habe. Ich bin Sans-Papier. Zudem hat die Schweiz kein Rücknahmeabkommen mit Marokko. Sie können mich nicht so einfach ausschaffen. Jetzt sitze ich seit 6 Monaten. Viele sind nach ein paar Wochen schon weg.»

2008 setzte die die Schweiz die Dublinverordnung um: Nur ein europäisches Land soll für die Prüfung eines Asylantrags zuständig sein. Ziel: Verhindern, dass Asylsuchende in mehreren Ländern Asylanträge stellen. Verantwortlich ist das Ersteinreiseland, beziehungsweise das Land, in dem zum ersten Mal Fingerabdrücke genommen werden. Viele der Häftlinge im Bässlergut werden so innerhalb von Europa und nicht in ihr eigentliches Herkunftsland zurückgeschafft. Viermal mehr Flüchtlinge schafft die Schweiz dank dem Dubliner-Abkommen aus, als sie aufnimmt.

«Wenn ich hier rauskomme, gehe ich zurück nach Marokko und beantrage ein Visum für Mauritius. Meine Mutter und meine Schwester leben dort. Ich hoffe, es geht nun schnell vorwärts. Meine Familie hat ein kleines Restaurant eröffnet. Dort will ich arbeiten und die Zeit mit meiner Familie geniessen.»

«Salam Aleikum» sagt eine Stimme von draussen, hinter dem vergitterten Fenster. Amine wechselt ein paar Worte auf Arabisch. Ein Gefängnismitarbeiter: «Keine Gespräche am Fenster. Setzen sie sich bitte weg vom Fenster an den Tisch vorne an der Wand.» Wiederwillig stehen wir auf und gehen zum anderen Tisch.

«Warum besuchst du mich?» «Ich weiss es nicht. Mich macht das schweizerische Asylsystem wütend und ohnmächtig. Von einer lösungsorientierten Asylpolitik ist Europa weit entfernt. Ich wollte mir ein eigenes Bild machen. Mit Menschen sprechen, die darunter leiden. Das Solinetz Basel, das Sans-Papiers unterstützt, hat Freiwillige gesucht, die hier Besuche machen.»

Wir schweigen.

Ich beende die Stille: «Hast du Kontakt zu deiner Familie?» «Mit meiner Mutter telefoniere ich einmal pro Woche. Wir haben uns seit vier Jahren nicht mehr gesehen. Sie macht sich grosse Sorgen um mich, will das ich zurückkomme.»

Punkt 16 Uhr öffnen die Gefängnismitarbeitenden die Türen. Wir verabschieden uns. «Was soll ich dir mitbringen nächste Woche?» «Ein Telefoncode und ein paar Datteln. Die vermisse ich.» «Porte-toi bien.» Amine geht durch die Tür bei der grünen Wand, ich gehe durch die gegenüber. Ich bin erleichtert raus zu gehen. Im Vorraum nehme ich meinen Rucksack aus dem Fach. Verriegle das Schloss. Ich hantiere mit einem Schlüssel hinter Gitterzäunen? Ich bin froh wieder draussen zu sein. «À samedi!» schreit Amine von seinem Gitterfenster. Ich winke.

Silvan Rechsteiner schreibt, produziert und führt Regie im Bereich Film und Theater. Nach einer KV-Lehre bei den SBB studierte er Prozessgestaltung am Institut HyperWerk an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Er ist Mitgründer der Produktionsfirma Zeitversiegelung Filmschaffen. Seit einem Jahr besucht er regelmässig Menschen im Gefängnis Bässlergut. In Basel engagieren sich das Solinetz, die Beratungsstelle für Asylsuchende Region Basel und einige Freiwillige für Menschen in Administrativhaft. Ein Interview mit Aufnahmegerät zu machen war im Besucherraum des Gefängnisses nicht möglich. Der Text basiert auf Gedächtnisprotokollen.

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