Dies ist der Anfang von Dirk Brauns‘ Roman über die Diktatur in Weissrussland: Zehn Jahre hat Oliver Hackert seinen verhassten Vater, einen ehemaligen Volkspolizisten und systemtreuen Schriftsteller, nicht gesehen – nun nimmt er die Einladung zu dessen 75. Geburtstag an. Die Situation eskaliert auf allen Ebenen: Das Treffen mit dem Vater endet im Desaster und bald wird Oliver klar, dass er überwacht wird.

Ich stolperte und fiel vornüber auf den matschigen Rasen. «Na, na!», rief der Polizist, ein Wachtmeister soundso, der mich unbedingt hatte verhaften müssen. Er griff nach mir, aber ich stiess seine Hand weg, was verächtlich wirken sollte, aber es war nur hilflos und lächerlich, so viel begriff ich, während ich vor dem strahlend weissen, nur an der Seite irgendwie dunkel zernagten Haus meines Vaters, neben dem Teich, unter den gewaltigen Tannen im Dreck krabbelte und versuchte, mich aufzurichten.
Wie der lehmige Boden sich durch das Moos und den Rasen drückte! Schaumig, inmitten ockerfarbener Bläschen schien alles Grün um mich herum unterzugehen und ich versank ebenso. Ich patschte im Schlamm (woher kam nur der ganze Schlamm?) und mir war übel, furchtbar zum Kotzen war mir von Vaters ewigem Cognac. Kopfschmerz hämmerte in den Schläfen. Gleichzeitig fühlte ich eine merkwürdige Leichtigkeit. Meine Lage amüsierte mich, auch wenn es kein ungetrübter Genuss war, denn mittlerweile war ich von Kopf bis Fuss dreckverschmiert. «Scheisse!», stöhnte der Beamte in meinem Rücken. Sicher hatte er Angst um seinen blitzblanken Streifenwagen. Mit angewidertem Gesichtsausdruck half er mir hoch. «Da geht’s lang!»
Vorbei an Absperrbändern und durch Brandgeruch verliessen wir in einer Art schmatzendem Gleichschritt das Grundstück. Während wir durchs Dorf fuhren, hockte ich stumm und fröstelnd im Fond. Vorn schnarrte der Sprechfunk, ohne dass ich auseinanderhalten konnte, worum es ging. Unauffällig wischte ich meine Hände am Bodenbelag sauber. Ich registrierte Signalwesten und Desinfektionsmittel, sah auf den Nacken meines Begleiters und wandte mich wieder dem grauen Himmel zu, der im Ausschnitt des Wagenfensters klebte wie gekauter Kaugummi.
Ich schlief ein und schreckte erst am Stadtrand hoch, als wir auf die Polizeiinspektion zusteuerten und mein diensteifriger Chauffeur vor dem Portal mit der Ampel und dem runden Spiegel fast eine Vollbremsung hinlegte.
Während das Tor zur Seite rollte, betrachtete ich rechts und links die parkenden Autos auf diesem, wie zu lesen war, nicht öffentlichen Parkplatz, so wie ich noch nie parkende Autos betrachtet hatte. Die Verhaftung begann zu wirken.
Anscheinend hatte ich genug Alkohol ausgedünstet, um mir in Erinnerung rufen zu können, schon einmal verhaftet worden zu sein. Mit der damaligen hatte die jetzige Festnahme nichts zu tun. Abgesehen vom Umstand, dass ich es war, der erwischt worden war. Die Angst vor Befragungen kehrte zurück.
Ich würde belauert und bewertet werden. Auf harten Stühlen, an kahlen Tischen würde ich in sogenannte Vernehmungen hineingezogen werden. Ich würde die Nähe, die Übergriffigkeit von Personen ertragen müssen, denen ich nicht mal im Traum begegnen wollte.
Während das Tor aufrollte, sah ich Autos auf diesem Parkplatz, die vorwärts, und ich sah andere, die rückwärts eingeparkt worden waren, und ich schwor mir, obwohl dieser Schwur kindisch war, künftig zu den Rückwärtseinparkern zu gehören, zu jenen also, die wussten, was auf sie zukäme und ihr Tun in weiser Voraussicht darauf abstimmten. Leider war ich noch nicht so weit, sondern wurde auf den Hof einer Polizeiinspektion gefahren, mehr aus dem Wagen gezerrt als gebeten und durchsucht, wurde in einen Raum geführt, wo ich mich einem Alkoholtest unterziehen musste, und auf eine Toilette geleitet, wo ich mich säubern sollte.
Schliesslich kam ich, notdürftig hergerichtet und halbwegs erfrischt, in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern. Dort setzte ich mich auf einen harten Stuhl vor einen leeren Tisch, genau wie ich es erwartet hatte, und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Bevor derjenige es tat, der bald darauf die Tür öffnete.
Es war der Kerl vom Hertransport. Er hatte seine Uniformjacke ausgezogen, die Ärmel hochgekrempelt und fläzte vor mir, als würde ich ihm gehören. Seine trainierten Unterarme, ein ausrasierter, an den Rändern verschorfter Kinnbart, vor allem aber ein nackter Schädel, der im Neonlicht glänzte und dessen fantastische Eiform mir im Auto nicht aufgefallen war, liessen mich unwillkürlich schmunzeln.
Nach dem Ausfüllen eines Formulars knallte er den Kugelschreiber auf einen Notizblock. «Was hatten Sie in diesem Haus zu schaffen?» «Entschuldigung, das ist mein Elternhaus. Ich war dort zu Besuch.» «Ihr Elternhaus?! Wer ist unter dieser Adresse gemeldet?» «Mein Vater.» «Franz Schwindner ist Ihr Vater?» «Korrekt.» «Aber Sie heissen anders. Laut Personaldokument sind Sie …» Er musste nachsehen. «Oliver Hacker.» «Nicht Hacker, sondern Hackert.» Mit sich stumm bewegenden Lippen las er nach.
«Weshalb tragen Sie unterschiedliche Namen?» «Nach dem Tod meiner Mutter nahm er ihren Mädchennamen an.» Er rollte mit den Augen. So hochfahrende Dümmlichkeit verdiente einen
Querschläger: «Er war Schriftsteller.» «Hä?» «Proletarischer Schriftsteller. Er schrieb Romane im sozialistisch realistischen Stil, bevorzugt über die Volkspolizei.» «Ja und?» «Seinen Autorennamen behielt er nach dem Tod meiner Mutter bei. Wenn Sie so wollen, wurde sein richtiger Name zum Künstlernamen, ohne dass er ihn ändern musste. Irgendwie andersherum als sonst.» «Warten Sie bitte.»
Ich blieb eine Weile allein, ohne jede Erklärung, was ihn hatte aufspringen und rausgehen lassen, unwissend auch, was überhaupt passiert war oder passiert sein sollte.
Die kleine Unterredung hatte mir die Angst genommen. Sofort zog es mich auf die Strasse zurück, wo Arbeit wartete. In Gedanken prüfte ich meinen Kalender, der irgendwo sein musste (aber wo?). In Gedanken organisierte ich die verbleibenden Tage bis zum Interview. Mit einem Mal stand Mark Traber vor mir. «Was machst du denn hier?», rief ich und wollte ihn umarmen. Mark gelang es mit einem Seitwärtsschritt, den Tisch zwischen uns zu bringen.
«Ermitteln», entgegnete er.
Weil ich weiter mit offenen Armen dastand und mich freute, «Mensch, wie lange ist das her? Acht Jahre?!», reichte der Jugendfreund mir schliesslich die Hand, so wie er immer die Hand gereicht hatte. Er schüttelte nicht. Er gab eine glatte, weiche Gliedmasse her, von der man sich keinerlei eigene Aktivität vorstellen konnte, und liess diese schütteln. Ihn zu begrüssen, war ein Missverständnis. «Elf Jahre», korrigierte er und setzte sich.
Äusserlich hatte er sich seitdem kaum verändert. Er war ein sehniger kleiner Mann. Nur die Kurzhaarfrisur konnte ich nicht ansehen, ohne an die lange Mähne zu denken, die er sich zum Ärger seines Vaters mit siebzehn hatte wachsen lassen.
Dass er Polizist geworden war, wusste ich. Selbstverständlich, auch wenn es in Anbetracht mancher Erinnerungen derart abstrus war, dass man es leicht vergass. «Was bist du jetzt, dienstgradtechnisch?» «Hauptkommissar.» «Klingt gewaltig.»
Wir sassen im Vernehmungszimmer, jeder auf seiner Seite, und es half, Dinge richtigzustellen und überflüssiges, Privates vom Tisch zu wischen. Wenn auch nicht klar war, was privat war und was nicht. Marks Wissen über mich war plötzlich Teil seiner Arbeit.
«Du bist zu Besuch?» «Der Alte hat mich zum Geburtstag eingeladen.» «Ist das nicht heute?» «Richtig. Heute ist der neunte Mai.» «Mm.»
Er sah mich durchdringend an und ich versuchte, seinem Blick standzuhalten. Irgendwann konnte ich nicht mehr und fragte: «Was soll das? Könntest du erklären, worum es geht?» «Sicher, Oliver. Wir haben dich festgenommen, weil du verdächtigt wirst, etwas mit dem Verschwinden deines Vaters und dem Brand an seinem Haus zu tun zu haben.» «Wie bitte?» «Willst du sagen, dass du nichts davon weisst?» «Was redest du? Brand? Verschwinden? Ich war eben noch dort. Er hat gestern Abend für uns gekocht, und wir haben reingefeiert.» «Friedlich?»
Mark beugte sich vor. Sein Mund war halb geöffnet, als würde er jede meiner Regungen aufsaugen wollen. Seine Anspannung kam mir putzig vor. Ich brach in lautes Lachen aus. Es schüttelte mich bestimmt mehr als eine Minute. Ich musste mir Tränen aus den Augen wischen und klopfte mit den Fäusten auf den Tisch, während er mich beobachtete, reglos lauernd.
«Friedlich», japste ich, «friedlich gefällt mir!» «Du hast 1,8 Promille im Blut», stellte
er klar. «Dafür geht es mir prächtig, oder?» «Du raffst es offenbar nicht, mein Freund. Deinem Vater ist etwas zugestossen. Wir wissen nicht, was, aber nach Lage der Dinge stehst du auf unserer Liste der Verdächtigen oben, sehr weit oben. Eigentlich ist es auch keine Liste. Da bist einfach nur du. Geht das in dein vernebeltes Hirn? Willst du dich dazu äussern?
Oder weiter den Clown spielen?» «Der Herr Hauptkommissar, wow!« Er verzog keine Miene.
Ich musste daran denken, wie wir zusammen aufgewachsen waren. Mark, im Garten hinter den wuchernden Haselnusssträuchern, der Nachbarsjunge mit der Sammlung ausgeschlachteter Radios im Schuppen, der technikverrückte, immer ein wenig scheue und für sich bleibende Sohn des ABV, des Abschnittsbevollmächtigten, der jedes Kabel, jeden alten Lautsprecher, jede Schraube aufhob und einsortierte in selbst gebaute, bis zur Decke reichende Regale voller Kisten und Kästen. Alles wollte er werden, Fernsehmonteur, Rockmusiker, Tierpfleger, nur nicht Polizist wie sein Vater. Ich erinnerte mich, dass ich lange nicht ohne Marks Hilfe über den hohen und arg biegsamen Zaun zwischen unseren Grundstücken klettern konnte. Die Gewissheit, dass er auf der anderen Seite wartete und meinen Sturz abfedern würde, fiel mir ein. Es war eine ganz und gar deplatzierte, sentimentale Eingebung. Der Mark, der mir jetzt gegenübersass, wollte nicht helfen. Ich begriff es voller Staunen. Trotz meines Verkatert-seins. Er schien anzunehmen, dass ich fähig wäre, meinem Vater etwas anzutun.
«Gab es wieder Streit? Ihr hattet den Kontakt doch abgebrochen. Wie lange habt ihr euch nicht gesehen?», bohrte er nach. Er liess nicht locker. Was er über mich wusste und auch das, was er noch herausbekäme, spürte ich, würde gegen mich verwendet werden.
«Was heisst Streit! Du weisst, wie es zwischen ihm und mir steht und wie wir damals auseinandergingen.» «Ihr habt euch also nach zehn Jahren zum ersten Mal wiedergesehen?» «Ja.» «Warum?»
Mir schossen mehrere Antworten durch den Kopf. Ich war unfähig, sie zu ordnen. Verwoben und verknäult hing alles zusammen und in meiner aufsteigenden Panik (Was hatte ich getan?) entschied ich mich instinktiv und ohne zu zögern für die 1,8-Promille- Auskunft. Etwas, das ich für die Wahrheit hielt.
«Seine Einladung kam zur rechten Zeit. Zehn Jahre sind genug!», sagte ich und merkte zum ersten Mal, so als würde ich aufwachen, wie dick und schwerfällig meine Zunge war.

Dirk Brauns, geboren 1968 in Ost-Berlin, lebte als Zeitungskorrespondent lange in Warschau, Peking und Minsk, bevor er in die Gegend von München zog.
Die Lesung von Dirk Brauns neuem Roman zu Weissrussland findet am 10. September ab 20 Uhr im Clubraum der Roten Fabrik statt.

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