1.

verärgert laufe ich die strasse entlang, schreibe: bin am weg, das kleingeld klirrt in meiner tasche. eine tür stellt sich mir in den weg, mit lichtern und pflanzen gefüllt. ich reisse sie auf, sie haut mir auf die nase. ein schwarm heuschrecken löst sich aus der tür und klebt sich mir auf den körper, sie zirpen und glühen bei jeder bewegung, die ich mache. als sitzgelegenheiten schweben hölzerne bierfässer hoch in der luft, von ihnen baumeln mir beine entgegen. die kurzen sausen über meinen kopf, die langen knallen mir auf die ohren und werfen mich um. die unter mir begrabenen insektchen sterben ohne viel worte, die verbleibenden blinken panisch und reiben zitternd ihre flügel aneinander. oben schwingen die fässer aufeinander zu und wieder davon; die daraufsitzenden versuchen mit ihren biergläsern aneinander zu prosten. auf mich spritzt warmer schaum und glasscherben.

don’t forget to breathe

wartezimmer. ein langer flur, in aufmunterndem pastellgelb gestrichen. ich und ein mädchen sitzen auf einem plüschsofa, sie hat den arm bis zum ellenbogen in ein loch gesteckt und gräbt tiefer, sodass der schaumfüllstoff rausquillt.
«das tor zum universum», flüstert sie mir zu.
vor uns auf dem tisch eine orangene und ein lilane glaskaraffe in hundertwasser optik. davor liegt ein zettel: ins wasser zu schauen ist nützlich und lehrreich. ich schaue und zähle meine finger, es gibt nichts zu sehen. auf dem boden der karaffen steht ikea.
«manchmal bin ich traurig, dass ich nicht der teppich sein kann», sage ich.
«manchmal bin ich nicht sicher, ob ich nicht der teppich bin», sagt das mädchen, «oder der tisch».
dann werde ich hineingerufen.

take a deep breath in through the nose and out through the mouth

auf dem boden sitzen dicke weisse kinder im kreis. sie wippen sachte hin und her und singen be happy be happy. über ihnen steht ein mann und schwingt einen selfiestick wie ein zepter. ich knirsche mit dem schuh, sie drehen ihre roten zum grinsen verzerrten gesichtchen zu mir. be happy be happy.
der mann schaut mich durch ein kaleidoskop an. er dreht am rädchen. die flimmerteilchen vor der linse wirbeln umher. «ich denke, sie wissen, was ich sagen will», sagt er. «das ist keine schlimme prognose.»
er zieht am vorderen ende des kaleidoskops. glassplitter und konfetti fliegen mit knall und rauch aus der spitze und regnen auf uns herunter.
«könnten sie bitte aufhören, so destruktiv zu sein», sagt er vorwurfsvoll. er zieht einen zettel aus dem kaleidoskop und mustert ihn.

careful not to collapse in the chest

ich verschreibe ihnen etwas
da wird es ihnen gleich besser gehen
es gibt so gläser
also brillen
von google
die machen aus obdachlosen rosenbüsche
und dann gehen sie
und überall
rosenbüsche
und rosenbüsche liegen herum und stinken
und rosenbüsche kommen auf sie zu und fragen nach geld oder
rosenbüsche die sie beschimpfen
und sie sind einfach viel glücklicher weil
rosenbüsche
sind so schön

ich sage, dass obdachlose jetzt nicht so wirklich das problem sind, und er sagt

ro – sen – büsche! sind so SCHÖN

er holt eine brille und einen kleinen schraubenzieher aus dem kaleidoskop und schraubt mir die brille hinter den ohren fest.

i feel supported

ich versuche aus dem dicken sessel aufzustehen, aber meine nackten oberschenkel kleben am leder. mit einem ruck ratscht mir die obere hautschicht weg, und es läuft mir warm die beine hinuter.

«dass frauen aber auch immer so bluten müssen», sagt der mann. «und überhaupt müssen sie sich an den oberschenkeln die haare weg machen, da sind sie nämlich viel zu lang.»

er dreht sich den dicken kindern zu und flechtet ihnen rosen ins haar, be happy be happy.

 

ich trete auf die strasse. die sonne gleisst hinunter. ich warte auf obdachlose oder rosenbüsche, aber niemand kommt vorbei. nur ein kind mit beschlagenen brillengläsern sitzt auf einem svp-plakat mit der aufschrift «gute heimreise».

«weinst du?», frage ich, und es sagt: «nö. manchmal muss man sich ein bisschen benebeln, um diese welt zu ertragen.»

vor meinen augen blitzt es plötzlich auf:

Donald J. Trump @realdonaldtrump
The failing @nytimes writes total fiction concerning me. They have gotten it wrong for two years, and now are making up stories & sources!
34k replies 16k retweets 76k <3

Donald J. Trump @realdonaldtrump
Any negative polls are fake news, just like the CNN, ABC, NBC polls in the election. Sorry, people want border security and extreme vetting.
59k replies 32k retweets 139k <3

ich stolpere zurück zur tür.

«mit der brille stimmt etwas nicht», sage ich, «ich habe die ganze zeit diese nachrichten vor meinem gesicht.» der mann seufzt: «ja denken sie etwa, das ist gratis, das braucht werbung, das muss gesponsert werden.»
«kann ich eine andere haben», sage ich.
«nein», sagt der mann, «wir haben nur noch trump brillen. mit einem update zu google glasses prime für nur 7000 dollars im monat können sie mit fullspeed und ohne werbung und hd.»
«okay», sage ich, «kann ich einen free trial monat haben.»
«wo denken sie hin, free», wiehert der mann, «free healthcare?»

Donald J. Trump @realdonaldtrump
Enjoy the #SuperBowl and then we continue: MAKE AMERICA GREAT AGAIN!
25k replies 37k retweets 179k <3

er schiebt mich auf die strasse hinaus. auf dem plakat sitzt das mädchen von vorhin, schaumstofffussel kleben ihr am arm.

Donald J. Trump @realdonaldtrump
I have instructed Homeland Security to check people coming into our country VERY CAREFULLY. The courts are making the job very difficult!
35k replies 27k retweets 137k <3

ich frage, wie geht es dir, sie schaut zu mir hoch und antwortet:

Donald J. Trump @realdonaldtrump
The judge opens up our country to potential terrorists and others that do not have our best interests at heart. Bad people are very happy!
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ich reisse mir die brille vom kopf, werfe sie auf die strasse, sie explodiert nicht, zerschellt nicht einmal, bleibt einfach so da liegen.

try to move with your breath

zurück in der fassbar, schlinge ich meine arme um ein besonders langes bein und klettere daran hoch. oben sitzen zwei männer mit grossen nasen. sie ziehen einander an den ohren und machen ernste gesichter. dabei rauchen sie gelbe zigaretten, die sie in den bierschaum tunken, weil der tabak so schnell trocken wird hier oben. die heuschrecken verdorren im qualm, schnell lege ich sie den männern ins glas.
sie lassen voneinander ab und schauen mich an. ihre ohren stehen allerliebst auseinander.
«gut, dass sie so lange beine haben», sage ich schliesslich, «sonst wäre ich ja nie hier raufgekommen.»
sie mustern mich mit schiefgelegtem kopf.

notice the quality of air around you

«oben sitzen die könige», sagen sie. «es ist ein verbrechen, dass du hier oben bist. du hast zu viele haare auf den oberarmen.»
sie nehmen mich zwischen sich und beginnen, mir flink die feinen härchen einzeln auszureissen, von den fingerspitzen bis zur schulter und wieder hinab, über den rücken und bauch. die fässer scharen sich neugierig um uns und hundert kleine finger zupfen und rupfen an mir, sie ziehen mir die wimpern ab und die augenbrauen – die heuschrecken im glas kichern vergnügt. vor und zurück schwingen die fässer und die menschlein obenauf nehmen bei jedem rückschwung ein weiteres teil von mir mit und lassen es sanft zu boden gleiten. ein goldener schauer fliesst auf die neuankommenden hinab und in ihre augen, bis sie erblinden.

quietly whisper the mantra to yourself: i am alive

faustschüttelnd versuchen die unteren an den langen beinen hinaufzuklettern. diese schütteln, und schreiend stürzen die blinden hinunter und hauen die untengebliebenen zu matsch. während all dem werde ich oben immer weniger, habe bald keine finger- und fussnägel mehr und auch keine zähne. die ganzen zehen und finger werden mir gepflückt, und die lippen und ohren und nase, bis ich nur noch ein langer stumpf bin, ganz haut bin. rosa haut mit augen, die aus mir herausschauen. jetzt lassen die könige von mir ab und betrachten meine abgerissenen stücke. juchzend werfen sie sie hoch in die luft, fädeln fröhlich kettchen aus meinen zähnen und setzen sich meine zehen wie ahornflieger auf die nase, wo sie munter anwachsen, sich krümmen und biegen mit dem lachen.

«dilemma», dröhnt es aus dem himmel, «dilemma». es wird still.
«stell dir vor, du lernst deinen traummann kennen», raunt mir der langbeinige zu. «er ist perfekt, aber er hat elf finger! und einen davon am rücken. würdest du?»
und er dreht sich im kreis, und tatsächlich klebt ihm am rücken ein elfter finger, der heute morgen noch mir gehörte. mit meiner runden puppenhand patsche ich danach, da schubst es mich von der anderen seite an.
«stell dir vor, du lernst deine traumfrau kennen. sie ist perfekt, aber sie hat keine zunge! sie kann aber trotzdem sprechen, denn: sie hat einen finger als zunge! würdest du?»
und er öffnet das maul. darin sitzt statt einer zunge mein feuchter linker mittelfinger. er tanzt wie wild im kreis, tippt ihm auf die nase und verschwindet wieder zwischen den lippen, um ihm fröhlich gegen die zähne zu klopfen.
die fässer brüllen vor lachen und brausen durch den raum, so weit es die langen eisenketten erlauben, manche lösen sich vor übermut und zerschellen an der wand.
«ein traum», seufzt ein junger mann auf einem vorbeirauschenden fass, «so sanft, so weich, nur schwabbelnd, fein formlos.»
darauf heben mich die langbeinigen hoch. sie zählen laut meine kniebeugen mit, fünf, sechs, sieben!
«eine meerprinzessin», ruft der junge mann begeistert. es klatscht und pfeift, während ich mich weiter auf und ab biege. strahlende gesichter fahren um mich herum und beobachten wachsam, ob ich nicht langsamer werde. ein feiner film aus salzigem wasser umgibt meine rosa hülle, bis ich auf dem fassboden ausglitsche. mein zierlicher zehloser patschfuss wirbelt hoch in die luft, und ich falle zu boden.

und während sie oben weinen, wälze ich mich im flaumigen staub meiner ausgerissenen körperteile. kratziges achselhaar drückt sich freudig auf meine augen, die abgeknipsten zehen schlingen sich sanft um meine hüften, ich rolle auf die tür zu und hinaus auf die strasse.
ich zähle: sieben zehen, fünf finger, elf zähne haben mich wiedergefunden, und das bisschen staubiger flaum, der an mir klebt.

guten mutes laufe ich weiter.

 

2.

margaret, margaret

unvermittelt komme ich zuhause an.
vor meinem haus sitzt ein dickbauchiger alter mann mit einem berg glitzriger geschenke auf dem schoss. fröhlich ratscht er das papier herunter und ruft begeistert: mehr geschenke, mehr geschenke!
kinder mit steckigen armen und beinen karren weitere geschenkhaufen heran und lassen sie vor seinen füssen auf den boden rumpeln. plötzlich erblickt mich der alte. margaret, brüllt er mir zu, margaret, hast du mir geschenke gebracht, ich habe geburtstag!

margaret, margaret, skandieren die kinder.
wer ist margaret, sage ich, was macht ihr hier?
eine frau tritt aus dem haus.
fremde leute kommen zu mir und wollen meinen bauch streicheln, flüstert der alte ihr verschwörerisch zu, sie sagen, das bringt glück.
die frau seufzt und beginnt den alten auf seinem geschenkhaufen wegzuschieben. er bleibt einfach sitzen. ich habe eine krankheit, schreit er, sie ist sehr schlimm!
drohend blitzt er mir zum abschied nach, brüllt noch einmal margaret!, und sie verschwinden um die ecke.

ich lese ein vergessenes geschenk auf; es ist ein do-it-yourself mini atomkraftwerk. darauf ist eine nackte frau mit sicherheitsbrille. aus ihrem mund kommen sprechblasen: it’s dead easy! hyperreal! real radioactive uranium platonium! my kids loved it! just do it!
ich reisse die packung auf. ein hologram steigt aus der schachtel und schreit mir anweisungen zu. ich drücke das tutorial mit dem schachteldeckel zu boden, wo es fröhlich weiterquiekt: here comes trouble, here comes the danger. das kraftwerk wird aus legosteinen zusammengesteckt. die zurückgelassenen kinder versammeln sich in einem kreis um mich und beäugen neugierig die operation. vorsichtig klicke ich die lego mit meinen verbliebenen fingern ineinander. ein vorlautes mädchen löst sich aus dem kreis. sie klappert mit ihrem vorgeschobenen unterkiefer. wo sind deine finger, sagt sie, wo sind deine zehen, wo sind deine zähne? lass mich, sage ich, siehst du nicht, dass ich am arbeiten bin?
sie schubst mich zur seite, und bevor ich zurückhauen kann, greifen hundert kleine hände nach mir und halten mich fest.

ein kleiner atompilz schiesst zum himmel hinauf

nur weil du dich fremdschämst?, raunen sie mir zu,
 bist ja nicht mal ehrlich zu mir 
und jetzt fällst du mir so in den rücken
, nur weil ihr alle zu feig seid, um über die fakten zu reden, 
ich bin wirklich enttäuscht. bin halt bisschen gereizter, wenn ich aufhöre zu kiffen, aber vergiss das mal sehr schnell, 
beruhig dich mal und denke über deine fehler nach
 – du siehst alles komplett falsch.

währenddessen lacht das mädchen auf, türmt die legosteine wild durcheinander, stülpt die grosse plastikschutzhülle darüber und drückt auf play. das minikraftwerk beginnt grün zu leuchten. die kinder machen ooooo und klatschen vor freude in die hände. dann reisst uns die druckwelle zu boden und ein kleiner atompilz schiesst zum himmel hinauf.

neben mir steht der mann aus dem wartezimmer. er legt den kopf in den nacken und sagt: schön, nicht? überall verstreut liegen die kinder wie puppen und rühren sich nicht. kleine feine schnüre kriechen aus dem boden und wickeln sie ein.
flink baut der mann um mich herum sein büro auf. sie haben doch nicht ihren termin vergessen? natürlich nicht. wo ist ihre brille? er kneift die augen zusammen. die explosion, sage ich. er hebt die augenbrauen und notiert etwas. sie sehen gut aus, sagt er, sie leuchten. haben sie haare verloren? grossartig. er schiebt mir den orangefarbenen krug hin und wir zählen meine finger. einszweidreivierfünf. die anderen habe ich unterwegs verloren, sage ich. grossartig, wir machen grosse fortschritte. ich zeige ihnen jetzt etwas, sagt er und stösst die wand hinter sich um. das wird ihnen sicher gefallen.

siehst du, diese kartoffeln wissen genau, dass sie nicht zu denen gehören!

auf der strasse steht kubitschek und macht einen zaubertrick mit kartoffeln. er schüttet sie auf den boden und rollt sie durcheinander, und dann rollen sie wieder auseinander und bilden zwei ordentliche häufchen.
siehst du, sagt er, diese kartoffeln wissen genau, dass sie nicht zu denen gehören!

hinter ihm läuft, von einem grossen summenden generator betrieben, eine leinwand. darüber steht #WARUM WIR EUCH HASSEN

 

  1. August 2016 – 11:10 Hanna

Ich hasse die auch. Aber ich verachte sie auch. Und jedesmal, wenn ich eine kopftuchtragende Muslima sehe, die sich laut ihrem Glaubensbekenntnis dadurch ja von mir, der «unreinen, verdorbenen Hure» abgrenzt, hasse ich sie mehr. Ich weigere mich, diese Leute als gleichberechtigt anzuerkennen.

 

kurze werbepause: jude law steht in einem apfelkostüm auf der strasse. das ist jetzt eine politische performance, sagt er, ich bin eva und ich durchbreche die gendernormen, ich bin ein sündiger apfel

 

  1. August 2016 – 12:47 wbeier

Die sind ja nur die Spitze des Eisberges. Viel greifbarer für uns sind doch die vielen Eindrücke und Beobachtungen des Alltags, zumindest wenn man die entsprechende Sensorik besitzt. Schauen sie doch einmal in diese vielen tausend Ölaugen –

 

dann gibt es eine störung auf der leinwand; weiss-schwarze ameisen flimmern darüber. das bild wird schwarz und eine gruppe kinder mit überraschungseiern in der hand erscheint. im chor sprechen sie die worte:

the gist of the matter is that there is indeed a rhyme to our terrorism, warfare, ruthlessness, and brutality. as much as some liberal journalist would like you to believe that we do what we do because we’re simply monsters with no logic behind our course of action, the fact is that we continue to wage – and escalate – a calculated war that the west thought it had ended several years ago. we continue dragging you further and further into a swamp you thought you’d already escaped only to realize that you’re stuck even deeper within its murky waters…
so you can continue to believe that those «despicable terrorists» hate you because of your lattes and your timberlands, and continue spending ridiculous amounts of money to try to prevail in an unwinnable war, or you can accept reality and recognize that we will never stop hating you –

we continue dragging you further and further into a swamp you thought you’d already escaped

kubitschek reisst den stecker aus der leinwand. der generator röchelt vor sich hin und stirbt. ellen kositza huscht hinter der leinwand hervor mit einem stück seife in der hand. sie bricht es entzwei und steckt das eine stück kubitschek in den mund, am anderen lutscht sie geräuschvoll. gemeinsam spucken sie den schaum aus.

der mann nickt zufrieden und hievt die vierte wand wieder hoch.
können sie mir ein feedback geben, wie das für sie war, die letzten, 65 Minuten?
ich fühle da so eine diskrepanz, wie, kennen sie das, wenn sie aus dem haus gehen und denken, hm, etwas habe ich vergessen, aber was? ja, so.
ich schweige.
ich habe das gefühl, ich quäle sie nur, sie möchten am liebsten nur noch raus hier, aber ich fühle da so eine diskrepanz, holt er aus.
ich hole luft: ich habe das im internet nachgeschaut. jaja, eins soll ja nicht dinge im internet eingeben klar, aber das hat mich so beruhigt, dass es dazu einen sucheintrag gibt, also viele leute haben das schon mal gesucht, das ist also nicht so schlimm.
es war ein mann in meinem bett, den mochte ich ganz gern, und er hat geschlafen, und da hatte ich plötzlich ganz fest das gefühl: ich muss den jetzt umbringen. der muss weg.
und wie? haben sie sich das überlegt?
da ist eine raupe, sage ich, unter dem stuhl, oh, noch eine.
er krümmt sich, um unter den stuhl zu schauen, wo kommen die alle her?
die raupe robbt unbeeindruckt weiter, sie bäumt sich auf und lässt sich auf ihre tausend flimmerbeine fallen, lillillilli bewegt sie sich langsam weiter.
und dann?
dann bin ich irgendwann eingeschlafen, und dann war es morgen.
und er war noch am leben?
ja.
er sagt: gut gemacht.
und lacht, und die wände seines büros fallen wieder in sich zusammen.

 

3.

köppel nickt feierlich und schmeisst mit einem goldbarren ein fenster ein

wir stehen auf gepflegtem rollrasen vor einem glänzigen schloss, das ganz aus goldenen ziegeln aufgestapelt ist. gescheckte kühe stehen herum und schlecken an teuren autos. ein banner rauscht pompös die festungsmauer hinunter. auf rotem grund mit weissem kreuz prangen die buchstaben «festung schweiz». köppel schreitet über den rasen auf uns zu, in ein weisses schaffell gehüllt. er wirft mir ein trikot mit der aufschrift «auslandsschweizer» zu. der mann aus dem wartezimmer nickt mir zu.
nur zu, sagt er, sie als bioschweizerin dürfen eintreten. ich halte meinen pass hoch. köppel nickt feierlich und schmeisst mit einem goldbarren ein fenster ein. einmal schweizer, immer schweizer, sagt er. IN, sage ich. köppel betrachtet mich abschätzig und sagt: sie waren zu lange im ausland. wir richten uns hier nicht nach dem genderwahnsinn.

wir klettern rein. der mann aus dem wartezimmer bleibt draussen stehen.

sie tragen mit «phallus europa» bestickte pullover

innen sitzen ein paar strohhaarige jünglinge mit krügen voll apfelsaft an einem holztisch und besprechen die zukunft. sie tragen mit «phallus europa» bestickte pullover. aus an der wand befestigten lautsprechern klimpern harmonische klänge: give me all your money, and i’ll make some origami, honey. ruckartig drehen sich die jünglinge zu mir um. wen kennst du hier?, fragen sie kühl. ich bin aus der schweiz, sage ich. sogleich werde ich umringt und mit begeisterungsrufen überhäuft: in der schweiz kann man waffen einfach im supermarkt kaufen! ich liebe eure volksabstimmungen!
ja, ja, sagt köppel, bei uns in der schönen festung schweiz scheinen die dinge noch in ordnung. wir haben einen plan, flüstern mir die jungen zu. wir machen ein anti-europa. mit deutschland, österreich, der schweiz, england, russland, ungarn, polen.

denkt ihr, die wollen das, frage ich.
natürlich wollen sie das. wir sind die elite, wir bestimmen das.

wer sind die, frage ich.
köppel sagt: so ziemlich alle gehören zur elite. ausser ich.
er zwinkert mir zu. an der wand hängt ein bildschirm, auf dem in überlebensgrösse sämtliche episoden von tele blocher in dauerschleife abgespielt werden. gerade spielt die folge 482: sein neues iphone und die atomausstiegsinitiative.

köppel sagt: so ziemlich alle gehören zur elite. ausser ich.

köppel schaut gebannt auf den bildschirm, wo blocher über eine unvorhergesehene explosion in einem minikraftwerk redet. er sagt etwas von verschwörung und ausländern. unruhig wende ich mich ab. aus den augenwinkeln beobachte ich, wie der mann aus dem wartezimmer am eingeschlagenen fenster steht und uns beobachtet. ich hebe den arm zum gruss, er schaut mich erschrocken an und schüttelt den kopf. da sehe ich, wie er auf dem fensterbrett kleine eng verschnürte pakete stapelt. um seine schultern liegt ein schwarzer schafspelz. die elite mustert ihn kritisch: ein schwarzes schaf darf hier nicht rein. neben ihm steht das vorlaute mädchen aus der kindergruppe, klappert mit ihrem unterkiefer und blitzt mit den augen, die schwarz wie eine öllache sind.

ich denke, er repariert das fenster, entschuldige ich. die elite wendet sich langsam wieder dem saft zu. schaum rinnt ihnen über den mund wie hungrigen hunden. währenddessen flimmern die pakete wie auf vielzähligen beinchen durch das fenster auf den boden und bilden dort eine kolonne.

blocher erzählt, wie sein neues iphone ihn immer wieder fragt: was willst du, was willst du.
er ist empört über diese familiäre ansprache von einer unsichtbaren und ihm unbekannten frau.

die tausend ölaugen!

die raupenpakete entpuppen sich und werden zu kindern: aus jedem schnurpaket entschlüpfen zahlreiche davon, so wie aus einer haarwurzel mehrere haare emporspriessen, wenn sie schon oft niederrasiert wurde.
die rausquellenden kinder sind stark: dick und borstig drängen sie ihr paketpapier auseinander, bis es platzt. sie kratzen und ziehen die weichen, farblosen kinder heraus, die unter ihnen versteckt noch halb in den kokon gewachsen liegen.

köppel schaut dem treiben zu, er scheint nicht überrascht zu sein. immer wenn ich das mache, fühle ich mich danach wie ein arschloch, seufzt er, ich bespreche das oft mit meiner therapeutin. er zeichnet eine kreidelinie auf den boden und schreit: die grenze ist hiermit geschlossen!
die kinder bauen mit ihren erstaunlich gymnastischen körpern eine welle, die sie gegen die grenze schwappen lassen. sie juchzen und lachen, während sie zurückprallen und sich wieder vorspülen lassen, und türmen sich immer höher auf. die welle schillert giftig grün und hinterlässt einen klebrigen schaum auf dem marmornen boden. die elite, weisse schaffelle um den hals, schwingt sich auf die beine und zieht leuchtende tiki fackeln aus haltegriffen an der wand empor. furcht steht in ihren augen, während die kinder ihre unterkiefer vorschieben und mit den zähnen zu klappern beginnen. ihre augen sind schwarz und zornig.

die tausend ölaugen!, schreit einer der elite, bevor er von der welle gefressen und in hohem bogen aus dem fenster wieder ausgespuckt wird.

einer nach dem anderen wird in die welle gesaugt und unter dem johlen der kinder hinausgeschleudert. grüne lachen bleiben auf dem rollrasen zurück und sickern langsam in die erde hinein. köppel drückt mich an die wand und schreit: wir sind neutral, wir sind neutral!
wir halten unsere schweizerpässe wie zu klein geratene schutzschilde vor uns hin. eine wand aus fröhlich farbigen banknoten flattert aus den liegengelassenen portmonnaies der elite und formiert sich bauschend um uns auf. das sind die einnahmen aus der rüstungsindustrie, erklärt köppel, die beschützen uns. wir haben damit ja nichts zu tun.

blocher über spinner, den bevölkerungszuwachs und zahnpflege

durch all das schreien und lachen dröhnt dumpf die stimme von blocher auf seinem unzerstörbaren bildschirm zu uns hinein. es ist die folge 253: christoph blocher über spinner, den bevölkerungszuwachs und zahnpflege. switzerland first, plappert er munter und: die wichtigkeit von fluorid in zahnpasta, vergessen sie ja nicht das zahnsidelen! die ausländer mit ihrem backpulver, denen fallen natürlich alle zähne aus, und wer muss das dann wieder bezahlen: der schweizer steuerzahler.

dann legt sich der sturm. die banknoten flattern alle in köppels brieftasche. aus dem kaputten fenster leuchtet grünliches licht herein. die kinder sitzen am holztisch, trinken bier aus grossen krügen und zeigen sich auf den kleinen bäuchen die kampfnarben.

köppel rappelt sich auf, seufzt. eine weisse flagge aus banknoten schwenkend, setzt er sich zu den kindern an den tisch. die kinder und er erarbeiten zusammen einen komplizierten vertrag. er schiebt einen teil des geldes an sie über den tisch und sie lassen ihn friedlich ziehen. währenddessen wachsen mir neue haare, finger, zehen und zähne. ich bin ausgetauscht. der mann aus dem wartezimmer klettert zum fenster hinein und mustert mich zufrieden. er zieht einen aus kabelbindern zusammengeflochtenen hut mit merkwürdigen hubeln aus der tasche und setzt ihn mir auf den kopf. dann stöpselt er ihn an sein iphone, das laut zu sprechen beginnt:

das gehirngewebe von unauffälliger form und anordnung. rinde, mark sowie die kerngebiete zeigen ein unauffälliges signalverhalten. kein hinweis auf eine fokale läsion. die inneren und äusseren liquorräume kommen regulär zur darstellung mit normal weitem ventrikelsystem und unauffälligen basalen zisternen. reguläre diffusionsbildung ohne hinweis auf zonen von eingeschränkter diffusion oder mit zytotoxischem ödem.

ergebnis: normaler mr-morphologischer befund am neurocranium.

es ist so einfach für ein mädchen wie mich.

ich darf gehen. köppel hat für sie bezahlt, sagt der mann, sie sind doch die schweiz.
aber ich gehöre nicht zu ihm, sage ich verwirrt. das wählen sie nicht aus, sagt der mann, sie sind so geboren. aus dem zerstörten lautsprecher scheppert laut die heiterkeit: es ist so einfach für ein mädchen wie mich.

Sophie Steinbeck, *1994 in Lenzburg, studiert Dramaturgie in Leipzig, davor Sprachkunst in Wien. Arbeitet als Autorin und Dramaturgin in den Theaterkollektiven «saft» und «Rohe Eier 3000».

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