Mit fast zehn Jahren Asbtand unternahm unsere Autorin jeweils eine Reise über die Grenzen der EU in Nord- und Osteuropa. In diesem Text schreibt sie über die Möglichkeit, sich frei bewegen zu können, das Konzept der Europäischen Union und weshalb Interrail eigentlich eine bürgerliche Form des Reisens ist.

Im Sommer 2014 habe ich das letzte Mal Interrail gemacht. Ich bin mit einer Freundin durch Norwegen gereist, mit Rucksack und Zelt. Ein gutes Reiseziel für zwei Teenies nach der Matura, dachten wir, weil man in Skandinavien Wildcampen kann und deshalb Geld spart. Kann man auch, bloss nicht an Orten, wo öffentliche Verkehrsmittel hinfahren. Eigentlich ist die Werbeidee von Interrail ja, dass mittellose junge Menschen damit Europa erkunden können. Norwegen ist ein denkbar schlechter Ort dafür, weil es einer der wenigen Orte ist, die noch teurer sind als die Schweiz, gerade wenn man Bier kaufen will oder kein Auto hat. 

Und wie die Schweiz hat Norwegen diesen Sonderstatus von «wir sind nicht in der EU, aber wir sind so reich, dass alle geflissentlich darüber hinwegsehen». Obwohl Norwegen nicht zur EU gehört und man also faktisch an der Grenze zwischen Schweden und Norwegen die EU verlässt, merken wir hier nichts davon. Zugegeben, in Corona-Zeiten kann sich das geändert haben – wie Corona die Grenzpolitiken verändert hat, wäre ein Thema für sich. 2014 zumindest konnte man völlig unbehelligt zwischen Schweden und Norwegen, zwischen EU und Nicht-EU hin- und herfahren. Vorausgesetzt natürlich, man sieht wie eine weisse, europäische Person aus. 

Bernd Stegemann spricht in «Die Moralfalle» (zu empfehlen, wenn man sich wieder einmal ärgern möchte) von «Anywheres», einer liberalen Elite, die sich dank Herkunft und Globalisierung überall, wo sie möchte, niederlassen kann. Oder eben, im Sinne von Interrail: überall, wo sie möchte, hinfahren kann, völlig unverbindlich. 

Interrail, habe ich im Nachhinein gelernt, ist ein Angebot für bürgerliche junge Menschen. Nicht-bürgerliche Leute verreisen mit dem Auto oder mit dem Bus. Mehrmals habe ich von Leuten aus Arbeiter:innenfamilien gehört, dass Zugfahren bei ihnen das Gefühl auslöse, am falschen Ort zu sein; oder eher, die falsche Person für diesen Ort zu sein. Ein Gefühl, dass, wenn man sich die unterschiedlichen Reaktionen auf das Neun-Euro-Ticket in Deutschland anschaut, nicht ohne Grund da ist.

Wir haben also ein Interrail-Flexi Ticket gekauft, mit dem man zehn Tage in einem Monat fahren kann. Und weil ich so gut geplant hatte, war meine Aufnahmeprüfung in Hildesheim, Deutschland, in der Mitte unserer Interrail-Reise (was meine Begleitung nicht eben freute). Ich sitze also in Oslo auf dem Campingplatz und suche eine Verbindung. Der Campingplatz in Oslo kostet 50 Euro pro Nacht, für einen Zeltstellplatz, eine Küche ohne Töpfe und Zugang zu Duschen und Toiletten. Weil das eine unmögliche Summe ist, haben wir uns nachts auf den Zeltplatz geschlichen und mussten fortan immer auf andere Camping-Bewohner:innen warten, damit sie uns mit ihren Chipkarten alles aufschliessen. 

2014 ist Männerfussball-WM und die restlichen Leute auf dem Campingplatz sind alles Deutsche mit übergrossen Deutschlandhüten und Deutschlandschals und Deutschlandfederboas, die abends auf einer grossen Leinwand Fussball schauen. Aber weil sie uns die Toiletten benutzen lassen, lassen wir uns nichts anmerken.

Interrail ist toll, wenn man eine Gegend erkunden will und Zeit hat; weniger praktisch aber, wenn man in kurzer Zeit eine Strecke zurücklegen will, die 866km Luftlinie beträgt. Und weniger praktisch auch, wenn man am Ende dieser Strecke eine Prüfung ablegen soll. 

Spontanität, das habe ich auch gelernt, ist ebenfalls eine Reiseangewohnheit von bürgerlichen Menschen, weil es auf der Gewissheit
beruht, dass man im Notfall auch ein Taxi oder eine etwas teurere Unterkunft nehmen kann. Aber mit neunzehn weiss ich solche Sachen nicht und bin frustriert, dass in Skandinavien alles so teuer ist, dass ich das erste Mal in meinem Leben überlegen muss, ob ich mir zum Toastbrot im Supermarkt einen Käse kaufe oder nicht. Eigentlich ist man ja als Schweizer:in gewohnt, dass im Urlaub alles billiger ist und man sich ohne gross zu überlegen endlich alle Dinge leisten kann. Aber man ist auch gewohnt, so zu tun, als hätte man wenig Geld, um auf irgendwelche Dinge zu sparen, weil Sparen ein guter Charakterzug ist. Also wähle ich die Verbindung, die ich mit dem Interrail-Ticket nehmen kann. 25 Stunden und fünfmaliges Umsteigen. Mit neunzehn ist es ja auch interessant, über einen Tag Zug zu fahren und um vier Uhr morgens am Fährhafen auf die Fähre zu warten.

Ich stehe also am Fahrhäfen, und weil das interessant ist, schaue ich mich erst einmal um: Container mit Waren, Containerhäuschen mit Toiletten, Containerhäuschen mit dicken Männern davor, die Bier trinken, dicke Eisenketten, irgendwo bellt ein Hund, ich hoffe nicht in meiner Nähe. Weil ich dieses Schweizer Urvertrauen habe, dass Geld und mein Pass alles regeln – was ich damals natürlich auch nicht wusste, sondern dachte, dass ich einfach mutig sei – macht es mir auch gar nichts aus, dass ich als einzige Person hier herumstreune und auf die Fähre warte. Irgendwann gabelt mich ein Hafenarbeiter auf und fragt, was ich mache. Ich sage, dass ich auf die Fähre warte und es nur Linien für Autos und Züge gibt. Er mustert mich verwirrt und liefert mich beim Fährmann ab. Anscheinend nimmt man als Fusspassagier:in diese Fähren nicht. Ich werde durch Gänge geschleust und betrete einen Schiffsbauch. Die Fähre röhrt und legt ab. Ich stehe
alleine an der Reling und schaue auf das schwarze Wasser bis mir schlecht wird. Dann gehe ich rein und schaue auf die Reihe an Autos, in denen die anderen Passagiere schlafen.

2022, also fast zehn Jahre später, stehe ich in Wien am Busbahnhof und warte auf den BICI Bus nach Peja in Kosovo. Ziel ist das internationale Kunst- und Theaterfestival Nën braza të kohës / Unter dem Pflug der Zeit. Theoretisch würde das Interrail-Ticket auch für diese Strecke gelten – nur gibt es praktisch keine Zuglinien in den Kosovo. 

Im Kosovo ist alles unglaublich billig. So billig, dass wir uns in unserer grossen deutsch-österreichisch-schweizerischen Künstler:innengruppe wie reiche Erb:innen fühlen werden. So reich, dass die Bars ihre Sperrstunde für uns aufheben und uns von Imbissbuden Essen liefern lassen werden. Komische Voraussetzungen fürs Kunstmachen.

Davor liegt aber erst noch eine Strecke vor uns. Die Distanz von Wien, Österreich nach Peja, Kosovo beträgt 964,3km und dauert laut Google Maps 11 Stunden 36 Minuten. Unsere Reise dauert von 16 Uhr bis 8 Uhr morgens am folgenden Tag. 16 Stunden, gute fünf Stunden länger also. Fünf Stunden gefüllt mit Rumhängen auf Raststätten, Pinkelpause und Beine vertreten. Die längste Zeit aber verbringen wir zwischen den Grenzen. Mit den Grenzen ist das so eine Sache auf dieser Strecke. Uns wurde empfohlen, einen Personalausweis statt einen Reisepass mitzunehmen. Einmal den falschen Stempel im Pass – Republik Kosova zum Beispiel – und die Rückreise wird ein ungewolltes Abenteuer. Die schnellste Verbindung von Österreich in den Kosovo führt über Ungarn und Serbien. Und während im Zug im Norden Europas an der Grenze höchstens die Grenzbeamten einmal mit gezückter Waffe durch die Abteile spazieren, muss man im Bus in Osteuropa bei jeder Grenze den Bus verlassen, durch ein Grenzbeamtenkassenhäuschen spazieren, seinen Ausweis einscannen lassen, und wieder hinausspazieren, Zigaretten rauchen und warten, bis die anderen 120 Businsassen durch sind. Die Grenze Österreich-Ungarn ist okay – EU zu EU, solange man einen gültigen EU-Ausweis vorweisen kann, wird dir nur einmal der Ausweis von aufgepumpten Grenzbeamten mit Pistole im Halfter auf deiner Augenhöhe abgenommen und dann vom Busfahrer wieder ausgehändigt.

Die Grenze Ungarn-Serbien ist schon unangenehmer. Erstens ist es bereits mitten in der Nacht, und wir haben keine Lust mehr, aus dem Bus zu steigen, herumzustehen, zu warten, zu frieren. Man kennt auch bereits alle dummen Witze der anderen Nachtfahrer:innen und auch ihren mitgebrachten Schnaps, von dem sie Mundgeruch bekommen. Zweitens verlässt man hier die EU und muss noch länger warten. Und drittens existiert für Serbien der Kosovo nicht. Serbien erkennt den Kosovo nicht als unabhängiges Land an, sondern als abtrünnigen
Teil Serbiens.  Diese Nicht-Anerkennung des Kosovos als eigene Re-
publik führte zu einer gegenseitigen Nicht-Anerkennung von Ausweispapieren. Eine Nicht-Republik kann nach serbischer Logik auch keine Ausweise ausstellen; und nach kosovarischer Logik sollen die Serb:innen mal sehen, wie nervig das für sie an der Grenze ist. Auch die Autokennzeichen anerkennen sie gegenseitig nicht.  Als unwissende Person bin ich einfach nur verwirrt, leicht amüsiert und unglaublich müde, als wir mitten in der Nacht an der serbischen Grenze stehen und unser Busfahrer ausgewählte Ziffern und Zahlen am Nummernschild abklebt. 

BICI ist eine kosovarische Busfirma, die zwischen Kosovo und Österreich verkehrt, und als solche hat unser Bus ein kosovarisches Kenn-
zeichen. Ich weiss nichts von den LKW Blockaden vor Grenzüber-
gängen, von Schusswechseln im Norden Kosovos, von Überfällen auf KFZ Zulassungsstellen. Aber ich sehe, dass am Grenzhäuschen ein Muster hängt, welche Ziffern und Zahlen abgeklebt sein müssen, um die Grenze zu passieren. Aus Sicherheitsgründen, sagt der Organisationsleiter unserer Gruppe. Als sie im Vorjahr mit einem kosovarischen Kennzeichen durch Serbien fuhren, seien Schüsse auf sie abgefeuert worden – Schüsse von bewaffneten Privatpersonen auf einen normalen PKW, nur wegen eines Kennzeichens; und wegen dem jahrzehntelangen Konflikt, den dieses Kennzeichen repräsentiert. 

Zum Zeitpunkt unserer Reise laufen Vorbereitungen, alle bisher geduldeten serbischen Kennzeichen im Kosovo durch kosovarische auszutauschen. Für die serbische Minderheit im Norden Kosovos, die serbische Kennzeichen als Statement führen, ist das eine Provokation. Die neuen Regeln sind laut Kosovos Ministerpräsident Albin Kurti «Massnahmen der Gegenseitigkeit» – eine Reaktion darauf, dass Serbien kosovarische Ausweisdokumente nicht anerkennt und sich Personen für die Ein- oder Durchreise ein zusätzliches, serbisches Dokument ausstellen lassen müssen, eine befristete Aufenthaltsgenehmigung.

An der kosovarisch-serbischen Grenze gibt es zwei Grenzstationen. Dazwischen ist eine Strecke Niemandsland, oder eben: Grenze. In diesem Niemandsland, zwei Streifen Buslinie, zwei Streifen PKWs, laufen wir am Seitenstreifen neben dem Bus her. An der kosovarischen Seite steht ein riesiges Banner an der Grenzstation Serbien-Kosovo: «Sponsored by EU» steht da drauf. Eine vieldeutige Botschaft – klar, die Infrastruktur der Grenze ist von der EU mitbezahlt – gleichzeitig ist es ein Zeichen an Serbien, eine Erinnerung, dass der Kosovo von der EU beschützt und unterstützt wird; obwohl auch fünf EU-Mit-
gliedsstaaten die Unabhängigkeit Kosovos nicht anerkennen. Auch Russland erkennt den Kosovo nicht als eigenen Staat an, was zu zunehmender Sorge unter den Bewohner:innen des Kosovos führt. Mittlerweile kam es zumindest zu einer Einigung im blutigen Papierkrieg: sowohl kosovarische als auch serbische Ausweispapiere gelten an der Grenze, die Personenfreizügigkeit ist (zum jetzigen Zeitpunkt) wiederhergestellt. 

Ein Teil unserer Gruppe fährt bald zurück in den Kosovo. Sie haben ein Feld mit Mais bepflanzt, das im Rahmen des Festivals bespielt wurde. Ende Oktober soll er geerntet werden.

Sophie Steinbeck, *1994 in Lenzburg, studiert Dramaturgie in Leipzig, davor Sprachkunst in Wien. Arbeitet als Autorin und Dramaturgin in den Theaterkollektiven «saft» und «Rohe Eier 3000».

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