Am 8. Dezember laden die Moderator*innen Fatima Moumouni und Uğur Gültekin zu ihrer postmigrantischen Late Night Show in die Rote Fabrik ein. Im Interview mit der Fabrikzeitung spricht Gültekin über das Mosaik
migrantischer Erfahrungen, Assimilationsdruck und Humor als kollektive Bewältigungsstrategie.

Fabrikzeitung: Für die Leute, die noch nie an einer Late Night Show von euch waren: Worum geht es bei eurer Veranstaltung?

Uğur Gültekin: Eigentlich veranstalten wir eine Late Night Show im klassischen Sinne: mit zwei Moderator*-innen, verschiedenen Gästen, Performances und Musik. Anders ist aber, dass wir Stimmen miteinbeziehen, die im Mainstream wenig vorkommen. Wir laden nicht die berühmtesten Leute mit den bekanntesten Büchern ein, sondern bieten antirassistischen und postmigrantischen Stimmen einen Platz. Wir sind also eine Art Nischen-Late-Night-Show.

FZ: Die Show ist also eine Mischung aus Unterhaltung und Bildungsarbeit?

UG: Ja, wir wollen diverse Biografien und Strategien im Umgang mit Rassismus thematisieren und dabei unterhalten. Uns ist wirklich wichtig, dass wir gemeinsam lachen können. Es soll ein Ort sein, indem wir mittels Humor
Themen ansprechen und teilen können – aber nicht nur. Manchmal ist es auch anstrengend und traurig, schliesslich geht es um einen politischen Kampf und um gesellschaftliche Teilhabe. Aber es soll eben auch Spass machen und Empowern. Ziel ist, dass unser Publikum die Show verlässt und Bock hat, weiter zu kämpfen.

FZ: Wer ist euer Zielpublikum?

UG: Um die Unterhaltung geniessen zu können, müssen wohl gewisse Vorraussetzungen erfüllt sein, zum Beispiel, dass die Zuschauer*innen anerkennen, dass es Rassismus gibt. Manchmal fragen uns Leute, ob die Show nur für migrantische Personen sei. Das finde ich nicht, alle Menschen dürfen gerne kommen. Aber solche, die Rassismus nicht als Problem verstehen, hätten wohl wenig Spass.

FZ: In der ersten Ausgabe eurer Show schreibt ihr, dass ihr «der Schweiz den Spiegel vorhalten» werdet. Was konnte die Schweiz darin sehen?

UG: Mit dieser Formulierung wollten wir darauf hindeuten, dass die Schweiz nicht nur so weiss, neutral und «sauber» ist, wie viele meinen. Sie hat ganz viele andere Seiten – und damit meine ich nichts negatives, sondern lediglich, dass sie wesentlich vielfältiger ist, als es scheint.

FZ: Kannst du das ausführen?
UG: Das Thema der migrantischen Schweiz ist wie ein Mosaik: Es gibt so viele unterschiedliche Herangehensweisen, Biografien und Arten, wie man mit diesen Themen umgehen kann. Manche davon stehen sich gegenüber: Die einen sind beispielsweise der Meinung, dass man mit dem eigenen politischen Handeln total radikal sein muss, andere gehen eher einen diplomatischen Weg und wollen innerhalb der Strukturen etwas verändern.

Da wir keine politische Partei sind, die den Kompromiss suchen muss, können wir das ganze Spektrum aufnehmen. Allerdings reicht die Zeit an einem Abend natürlich nur, um einen kleinen Teil davon abzubilden. Ich denke, es ist uns gelungen, einen kleinen Ausschnitt der Schweiz, der sehr bunt, kämpferisch und hoffnungsvoll ist, abzubilden. Gleichzeitig ging es auch um entwürdigende, erniedrigende und ausgrenzende Geschichten und Erfahrungen.

FZ: In eurer derzeitigen und zweiten Ausgabe der Show sprecht ihr von einem Spannungsfeld «zwischen Assimilation und Widerstand». Was hat es damit auf sich?

UG: Dazu muss ich etwas ausholen: Im migrantischen Think Thank INES (Institut Neue Schweiz) haben wir vor etwa sieben Jahren angefangen, den Begriff «Migrationshintergrund» in «Migrationsvordergrund» zu verwandeln.

In unserer Late Night Show haben wir das spielerisch weitergeführt und gesagt, dass wir in den «Migrationsuntergrund» gehen. In diesem Untergrund gibt es zwei Untergeschosse: Im ersten ist die Assimilation und im zweiten der Widerstand. Assimilationdruck, der eine Anpassung an die neue Umwelt fordert, ist etwas, was viele Migrant*innen in der Schweiz erfahren. Es ist also eine Spielerei von uns, dieser Druck allerdings ist wissenschaftlich bewiesen.

FZ: Wie sieht eine solche Assimilation aus?

UG: Es geht darum, alles zu machen, um als «echte Schweizer*innen» zu gelten. Also zum Beispiel Unihockey spielen oder an die Fasnacht zu gehen, auch wenn man das eigentlich gar nicht interessant findet. Es geht stark um Selbstverleugnung und Entwurzelung, die einem meiner Meinung nach nie gut tut, weil man einen Cut machen muss und einem etwas fehlt. So werden Entwicklungsstränge abgeschnitten und drohen verloren zu gehen. Irgendwann merkt man aber, dass man spätestens beim Körper an Grenzen stösst. Wenn man Schwarz ist, ist es ziemlich schnell vorbei.
FZ: Und dann kommt der Widerstand?

UG: Ja, irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man denkt: Das bringt sowieso alles nichts. Im besten Fall hört dann die Selbstverleugnung langsam auf und man organisiert sich kollektiv. Aber auch beim Widerstand gibt es Fallen, in die man meiner Meinung nach tappen kann. Zum Beispiel, wenn man das Gefühl hat, alles richte sich gegen einen.

FZ: Gibt es noch andere Schwierigkeiten beim Widerstand leisten?

UG: Natürlich gibt es viele Splittergruppen innerhalb der antirassistischen Linken. Problematisch finde ich persönlich, wenn Aussagen nur noch aufgrund der Sprecher*-innenpositionen als radikal gelten und nicht wegen ihres Inhaltes. Wenn die Kraft einer Aussage nur in zwei,
drei Indentitätsmerkmalen der sprechenden Person liegt, finde ich das schwierig. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass Identitäten unwichtig seien. Aber wenn diese Debatten ohne Klassenbezug geführt werden, dann sind das für mich keine wirklich linken Positionen.

FZ: Kommen wir nochmal zurück zum Thema Selbst-
verleugnung: Kannst du villeicht dazu ein paar konkrete Beispiele nennen?

UG: Da gibt es verschiedene Ebenen. Bis ich etwa fünfzehn Jahre alt war, war eines meiner Ziele, dass ich als «nicht so wie die anderen» gelte. Das war das höchste, was ich hätte erreichen können. Denn einfach normal als Mensch zu gelten, dafür hat es sowieso nicht gereicht.

Es ging zum Beispiel darum, möglichst viel über die Schweiz zu wissen: Angefangen von jedem Kanton und dessen Hauptstadt über die Namen der Berge und so weiter. Ein anderer Aspekt sind zum Beispiel so halb-rassistische Witze, also solche, die einen gewissen Dreh haben und nicht explizit sind, die auch ich gemacht habe, um dazuzugehören.

FZ: Neben Dingen, die man extra macht, kann Verleugnung auch bedeuten, gewisse Sachen bewusst nicht mehr zu tun. Hast du damit auch Erfahrung?

UG: Ich erinnere mich zum Beispiel, dass meine Eltern meine Schulbrote anders belegt haben als es in der Schweiz üblich ist: Mit Sucuk, also Salami mit viel Knoblauch, statt Poulet und Mayo. Irgendwann habe ich sie darum gebeten, es den andern Eltern gleichzutun, obwohl ich das Essen bei uns Zuhause sehr mochte. Es ist aber auch nicht so, als sei die Schweiz für all diese Dinge verantwortlich. Migration bedingt immer viele Veränderung in den Leben der Menschen, das ist normal.

FZ: Gibt es Assimilationen, die du irgendwann wieder aktiv entlernt hast?
UG: Irgendwann ist es nicht mehr so klar, welche Dinge überhaupt durch Assimilierung bedingt sind und welche vielleicht einfach zum Charakter gehören. Mit der Zeit fangen sich diese Sachen an zu vermischen. Was ich aber sagen kann ist, dass ich durch kurdische und türkische Filme und vor allem Musik immer die emotionale Verbindung zu der Region und der Kultur meiner Eltern aufrechterhalten konnte. Vor nicht all zu langer Zeit habe ich auch damit angefangen, selbst türkische Musik zu machen und so die Sprache nochmal neu zu lernen.

FZ: Gibt es Assimilationen, die sogenannte «Bioschwei-
zer*innen» machen sollten?

UG: Ich finde es bemerkenswert, dass die wenigstens Schweizer*innen auch nur ein paar wenige Worte türkisch oder albanisch oder sonst etwas beherrschen. Das ist schon sehr verwunderlich, immerhin Leben sehr viele Menschen hier, die diese Sprachen sprechen.

FZ: Mit eurer Show möchtet ihr unterhalten aber auch empowern. Was empowert dich persönlich?

UG: Inzwischen gibt es da vieles. Natürlich gibt es genug Anlass, die Dinge pessimistisch zu sehen. Aber wenn man spezifisch aufs Thema Teilhabe in der Schweiz blickt – bezogen auf die Menschen, die bereits hier sind, denn reinzukommen bleibt weiterhin sehr schwierig –, merkt man, dass sich vieles verändert. All die antirassistischen Medienprojekte, Kollektive und Zusammenschlüsse, die sich in den letzten zehn Jahren gebildet haben, stimmen mich sehr positiv.

FZ: Stellen wir uns die Schweiz im Jahr 2050 vor: Wie würde sie aussehen, wenn du entscheiden dürftest?

UG: In unserer Show labern wir viel über migrantische Themen, aber es ist natürlich wichtig, dass die Dinge politisch werden. Wenn ich also eine politische Forderung machen könnte, wäre es eine ganz andere Vorgehensweise bei der Staatsbürgerschaft. Ich würde mir wünschen, dass man sie erhält, wenn man hier geboren ist oder sonst nach drei, vier Jahren nach Einreise. Das würde dazu führen, was ich mir am meisten wünsche: Dass mehr Menschen an politischen und demokratischen Prozessen teilnehmen und über unser gemeinsames Schicksal entscheiden dürfen.

FZ: Und wie sieht die Zukunft für eure Show aus?

UG: Wir werden nach einer kurzen Pause weiter machen und die anderen tausend Aspekte des Mosaiks beleuchten: Leute vorstellen, Geschichten erzählen, eine mögliche Zukunft entwerfen, lachen und eine gute Zeit haben.

Interview mit Uğur Gültekin
von Kira Kynd

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